Bevor es weitergeht...

May 30, 2017  •  5 Kommentare

The PictureThe Picture

Manchmal hält man für einen Moment inne und beginnt, gewisse Dinge im Leben zu hinterfragen. Meist geschieht dies in Verbindung mit einschneidenden persönlichen Erlebnissen oder Veränderungen. Auch meine Familie ist davon nicht verschont geblieben und das hat mich dazu gebracht, über vieles nachzudenken. Einige dieser Gedanken möchte ich mit meinen Blog-Lesern teilen, denn sie betreffen mein liebstes Hobby, bzw. die Art und Weise, wie ich es ausübe. So mancher wird sich da wohl auch wiedererkennen.

Wie oft ist man eben nicht zufrieden mit dem, was man hat. Wie oft heißt das Motto nur "schneller, höher, weiter". Man ist immer auf einer rastlosen Suche nach dem "next best thing". Neue Kamera, neues Objektiv, neues System. Koste es, was es wolle. Auch mit den Bildern ist es nicht anders. Viele von uns sind immer auf der Hatz nach neuen Motiven und frischen Eindrücken. Dann schnell damit nach Hause, mit den neuesten Tools bearbeiten und möglichst auf 10 verschiedenen Plattformen posten. Was? Weniger als 50 Likes? Weltuntergang! Selbstzweifel. Vermutlich liegt es an der Ausstattung. Also neues Objektiv, neue Software, neue Tutorials, neue Jagd. Auch ich verfalle dieser Spirale immer wieder. Wie oft messe ich meine persönliche Größe, ja meinen Lebenserfolg, nur daran, wieviele Klicks ein Artikel in diesem Blog erhält oder was andere zu einem meiner Bilder sagen. Meine Gesundheit und meine Familie nehme ich dann oft nur als Nebensächlichkeiten wahr.

Kürzlich ist eine Person in meiner Familie verstorben. Nach seinem Tod ist mir irgendwann bewußt geworden, dass er für mich eigentlich ein Vorbild hätte sein können, denn er war in vielen Dingen so anders als ich. Er war bescheiden, er war mit dem zufrieden, was er hatte. "Schneller, höher, weiter"... das ließ ihn kalt. Er brauchte nur wenige Dinge im Leben, um damit glücklich zu sein.

Im Nachhinein wünsche ich mir nun, auch so sein zu können - wenigstens ein klein wenig. Mal runterkommen, mal die Gegenwart genießen, mal innehalten, einmal das festhalten, was man hat und damit zufrieden sein. Ich glaube, ich werde das nie schaffen (wir sind alle Sklaven unseres Charakters) aber zumindest kann man es ja immer wieder versuchen und an sich arbeiten, sich selbst hinterfragen.

Was habe ich zum Beispiel im letzten Jahr getrauert, als ich die Leica hergeben musste! Wie lächerlich war diese Trauer aus heutiger Sicht - wenn einem das Leben die Perspektive mal kräftig nachjustiert. Was bis gestern noch der Lebensmittelpunkt war, sind plötzlich nur noch "First-world-problems".

Trotzdem - letztendlich definieren wir uns dadurch, was wir gern tun. Bei mir ist das nun mal das Thema Technik, Optik, Fotografie, Software und ich muss wohl einsehen, dass mich das immer wieder reizen wird. Vielen geht es so wie mir und genau deswegen gibt es diese Blogs, in denen sich Leute begeistert über ihre neuesten Spielsachen austauschen und sich gegenseitig dazu anstacheln, sehr viel Geld auszugeben im Tausch für ein wenig Glückseeligkeit. Ich denke, das ist in Ordnung so.

Die Verhältnismäßigkeit sollte jedoch immer gewahrt bleiben. Was ist wichtiger? Lebensqualität oder die neueste Technik - oder anders gefragt: erhöht die neueste Technik meine individuelle Lebensqualität? Macht mich eine Sony A9, eine Fuji GFX oder eine Leica M10 zu einem besseren Fotografen, gar zu einem besseren Menschen? Verbessern diese Geräte mein Hobby, mein Leben, meine Gesundheit? Sicherlich mag ein gelebtes und geliebtes Hobby seinen Teil zur Lebensqualität beitragen aber geht es mir wirklich um dieses Hobby, die Fotografie an sich oder nur darum, wieder etwas neues auspacken zu dürfen? Will ich mir nur Bestätigung verschaffen, mein Ego streicheln und mich belohnen? Allzu leicht begibt man sich in eine gefährliche Spirale, in der man dem vermeintlichen Glück ("nur noch dieses eine letzte Gerät") zwar stets nachläuft, es aber nie erreicht. Im schlimmsten Falle ist das keine Fotografie mehr sondern Kaufsucht und fernab jeder gesunden Balance.

Und jenen, die mit religiösem Eifer, ja fast schon Fanatismus, in den Foren und anderswo diskutieren als ginge es um ihr Leben, manchmal auf höherem technischen Niveau als jeder Profi, möchte ich sagen: es geht hier zumeist um ein Hobby und ein Hobby ist doch immer nur eine (schöne) Nebensächlichkeit, ein Zeitvertreib. Das Sahnehäubchen sozusagen.  Unsere Gesundheit und unsere Familien, Zufriedenheit und Glück - das sind die eigentlichen wertvollen Hauptsachen, die Basis, die man meist schon besitzt und trotzdem ignoriert, weil man damit beschäftigt ist, dem Glitzerkram des Lebens verbissen hinterherzujagen.

Deswegen einfach mal einen Gang runterschalten, durchatmen, entspannen. Mit Frau und Kindern spazieren gehen anstatt sich in Foren verbal zu prügeln oder Testberichte zu lesen. Mal ein Objektiv nicht kaufen und dafür lieber eine kleine Reise machen. Dem Hobby entspannt nachgehen (es geht hier nicht um ein militärisches Manöver). Vielleicht die Familie mehr einbeziehen. Ganz allgemein: die wirklich wesentlichen Dinge des Lebens genießen. Irgendwann kommt nämlich der Punkt, an dem das nicht mehr geht und wer will dann schon zurückschauen und sich wehmütig sagen: "Hätte ich mal..."

 

WaitingWaiting

 


Kommentare

Christian(nicht registriert)
Großartig auf den Punkt gebracht!
Pablo(nicht registriert)
!!!
Klaus(nicht registriert)
Genau so ist es. Merkwürdig, das meist solche Ereignisse wie Tod uns zum nachdenken bringen.
Alles Liebe und Gute
Klaus
Jürgen(nicht registriert)
Da steckt soviel wahres drin, ich habe irgendwann aufgehört zu nicken ;)
Norbert(nicht registriert)
Toller Text. Vieles von dem kann ich nachvollziehen und habe ich genauso erlebt.
Keine Kommentare veröffentlicht.
Wird geladen...