Leica CL - Teil 3

December 23, 2017  •  Kommentar schreiben

Herzlich Willkommen zum Dritten und vorletzten Teil des Testberichtes zur Leica CL. Wie bereits angekündigt, möchte ich hier eine ISO-Reihe nachreichen. Vorher schauen wir uns jedoch das Menü und die App/WLAN-Funktionalität der CL an.

Bevor wir beginnen, muss ich einmal kurz etwas zum leidigen Thema JPG vs RAW loswerden. Immer wieder stoße ich auf Berichte und Tests (zuletzt erst wieder bei der Leica CL), wo Kameras, ihre Sensoren, Dynamik und Rauschverhalten auf Grund von JPG-Bildern beurteilt werden. Das ist meiner Meinung nach unsinnig. Warum? Weil es nichts aussagt.

Vielleicht mal ein Beispiel dazu. Stellen wir uns vor, wir wollen zwei Sportwagen vergleichen. Dafür suchen wir uns eine Landstraße aus, auf der wir nur 100 km/h fahren dürfen und lassen ASR, ESP und ABS eingeschaltet. Anstatt der Schaltwippen nutzen wir die Automatik. Wenn wir die beiden Autos nun fahren, werden wir feststellen, dass die Wagen bis zu einer Geschwindigkeit von 100 km/h mehr oder weniger sicher und komfortabel sind und sich ansonsten irgendwie ähnlich anfühlen.

Was müssen wir also tun, wenn wir einen wirklichen Vergleich wollen? Richtig, ASR/ESP/ABS ausschalten, die Gangwechsel mittels Schaltwippen selbst auslösen und auf den Nürburgring gehen. Grenzbereiche ausloten, die Autos kennenlernen. Das wäre bei der Kamera das Äquivalent für RAW.

 

L1000109.jpg

 

Vor kurzem flammte im (Leica?)-Forum die Diskussion (ich finde sie leider nicht mehr) auf, ob RAW nicht mittlerweile überholt wäre, weil JPG immer besser würde? Zu meinem Entsetzen gab es eine Menge Leute, die noch kräftig in dieses Horn hineinbliesen. Diese Diskussion ist hochgradig überflüssig - schlimmer noch, sie ist komplett am Thema vorbei, weil es zwischen JPG und RAW gar keinen direkten Vergleich geben kann. Das Eine ist ein von der Kameraelektronik interpretiertes, komprimiertes, fertiges Bild. Das Andere sind Sensordaten, die vom Fotografen erst noch zu einem Bild entwickelt werden müssen - also die Vorstufe zu einem Bild. Die Datenmenge in diesem RAW-Container ist um ein vielfaches höher, z.B. kann sie bis zu 14 Blendenstufen an Dynamik erlauben (je nach Kamera und Sensor), der Weißabgleich ist nicht festgelegt - kurz, RAW bietet ganz andere Möglichkeiten. Natürlich kann man JPG aus verschiedenen Gründen nutzen und das kann Sinn machen, aber es besteht kein logischer Grund, deswegen RAW für überflüssig zu erklären. Noch schlimmer, es wird behauptet, RAW-Fotografen sind nur zu ungeschickt, ein Bild richtig zu belichten - deswegen brauchen sie den hohen Spielraum des Formates, um ihre Bilder zu retten. Mit Verlaub, noch dümmer geht es nicht. Wenn ich auf diesem Niveau der Argumentation einmal angekommen bin, kann ich auch behaupten, ein Rennfahrer fährt ohne ABS und ASR, weil er zu blöd ist, diese Systeme korrekt zu bedienen. Oder ein Maler malt deshalb seine Bilder, weil er zu blöd ist, ein ordentliches Foto zu machen... der Leser merkt es schon, man kann jede noch so abstruse Behauptung immer mit irgendeinem abstrusen Scheinargument untermauern.

Da passt dann auch ein weiterer Thread gut dazu: "Was kann die CL, was nicht jedes iPhone kann". Nun, wenn man der Meinung ist, RAW wäre überflüssig, dann kann die CL tatsächlich nicht viel mehr als ein iPhone. Insofern zeigt sich auch im Irrsinn eine gewisse Folgerichtigkeit.

Aber da war doch noch etwas... genau, wir wollten uns über die Leica CL unterhalten.

 

Menüsystem

Das Menü ist für Leica-Verhältnisse wohl als recht umfangreich einzustufen. Kommt man jedoch beispielsweise von Sony oder auch von Fuji, sieht man das gänzlich anders. Die Zeiten eines Leica M9-Sparmenüs sind endgültig vorbei, dafür sorgen schon allein Autofokus und Videomode. Trotzdem sind für mich alle Punkte selbsterklärend und die nach wie vor gut geschriebene Anleitung muss kaum konsultiert werden.

Ein Druck auf die Menü-Taste (auf der Rückseite der Kamera) führt uns in das Favoriten-Menü, in welchem man sich seine eigenen Menüpunkte zusammenstellen kann. Ein weiterer Druck auf die Menü-Taste führt uns dann in das eigentliche Hauptmenü.

Dieses Hauptmenü unterteilt sich in 5 Seiten mit jeweils 8 Menüpunkten pro Seite. Man bewegt sich mittels Steuerrad oder mit Hilfe des rechten Einstellrades. Der Touchscreen kann hier nicht zum scrollen oder auswählen genutzt werden.

Optisch ähnelt das Menü dem in anderen modernen Leica-Geräten, ausgenommen T, TL und TL2, die ein touchbasiertes System anbieten. Eine recht praktische Touch-Funktion ist mir aber auch bei der CL aufgefallen: sollte die Kamera in den Stromsparmodus Stufe 1 wechseln (alle Anzeigen automatisch aus), kann man sie simpel und schnell durch berühren des Bildschirmes wieder erwecken.

Seite 1 des Menüs beschäftigt sich grob mit den bildrelevanten Einstellungen wie Autofokus, Belichtungsmessung, ISO und Weißabgleich. Dabei wird der Nutzer nicht mit einer kryptisch abgekürzten Funktionsflut erschlagen sondern man beschränkt sich auf eine überschaubare Anzahl sinnvoller Einstellungen. Der Autofokus arbeitet beispielsweise einmalig oder kontinuierlich, dabei hat man die Wahl zwischen Mehrfeld, einzelnem Feld, Spot, Verfolgung oder Gesichtserkennung. Auch Touch-AF (wahlweise mit Auslösung) wird angeboten. Alle Möglichkeiten sind klar benannt und eindeutig verständlich. Möchte man manuell fokussieren, kann man eine automatische Vergrößerung einschalten (geschieht wahlweise automatisch, sobald man an der Entfernungseinstellung dreht) und die Farbe des Fokus Peakings bestimmen (Markierung der scharfen Bildbereiche). Man kann den Fokus-Bereich übrigens bequem mit dem Tastenkreuz verschieben, das geht genauso komfortabel wie mit dem kleinen Joystick einiger Fujis.

Die Belichtungsmessung kennt Spot, Mittenbetont (wie bei der M) und Mehrfeld. Ich habe mit letzterem sehr gute Erfahrungen gemacht, obwohl die Kamera manchmal etwas reichlich belichtet. Ich drehe die Belichtungskorrektur oft ein wenig zurück, denn der Sensor bietet enormen Spielraum zum aufhellen dunkler Bereiche - da muss man nicht riskieren, die Lichter oder gar den Himmel zu verbrennen.

Die Automatische ISO-Einstellung bietet wie immer die Möglichkeit, einen maximalen ISO-Wert (bei mir 6400) festzulegen als auch die maximale Belichtungszeit - entweder fest (z.B. 1/60) oder dynamisch (z.B. 1/3f).

Die Weißabgleichseinstellung schließlich erlaubt neben der Auswahl üblicher Szenen auch die Eingabe einer Farbtemperatur in 500-Kelvin-Schritten.

Die Seiten 2-5 beschäftigen sich mit eher technischen Einstellungen. So finden wir auf Seite 2 unter anderem Dateiformat, JPG-Auflösung, Film-Look (sicherlich nicht so ausgefeilt wie bei Fuji, aber S/W Hoher Kontrast ist auch nicht übel), Szeneprogramme (so etwas ignoriere ich aus Prinzip) und Blitzeinstellungen.

Herausheben möchte ich die Einstellungen für den elektronischen Verschluss. Man kann ihn explizit an- oder ausschalten. Im Modus Erweitert kommt er automatisch ins Spiel, sobald die Situation es erfordert. Praktisch.

Der Menüpunkt Display erlaubt auszuwählen, ob Bildschirm / EVF die gewählte Belichtung auch im manuellen Modus simulieren sollen (Belichtungssimulation) oder ob man stattdessen ein optimiertes Bild für bessere Motiverkennung wünscht. Ich finde es in jedem Falle hilfreicher, die Belichtungssimulation zu wählen.

 

L1000126.jpg

 

Auf Seite 3 finden wir die Einstellung zum Benutzerprofil und einige wenige aber sinnvolle Video-Optionen. Interessant ist hier sicher die Auflösung. Es werden 4k/30FPS, 1080P/60FPS, 1080P/30FPS und HD/30FPS (vermutlich 720P) geboten. Auch den Videolook kann man einstellen und im Detail sogar anpassen. So kann man sich zumindest rudimentär ein kontrastarmes und flaches Bild zurechtbasteln, falls man in der Postproduktion mehr Spielraum benötigt.

Es folgen Displayeinstellungen, Aufnahmeassistenten (Gitter, Live-Histogramm, Horizont und eine blinkende Clipping-Anzeige - also durchaus wertvolle Orientierungshilfen) und die Bildwiedergabe. Beim Thema Bildwiedergabe vermisse ich nach wie vor eine fantastische Funktion, die es an der M240 gibt und die ich bei keiner anderen Kamera jemals gefunden habe. Dort konnte man sich nämlich das gerade gemachte Bild sofort noch einmal anzeigen lassen, wenn man den Finger nach dem Auslösen auf dem Auslöser ließ ... und zwar so lange, bis man ihn wegnahm. Das war super, weil ich so bei Bedarf einfach kurz oder lang einen Blick auf das Bild werfen konnte ohne die Kamera vom Auge nehmen zu müssen oder eine weitere Taste zu benötigen. Es wäre ein Traum, wenn diese kleine, sinnvolle Funktion nachträglich ihren Weg über ein Firmware-Update in die CL finden würde.

Bei den Displayeinstellungen gibt es einen erweiterten Modus, in dem nur der elektronische Sucher das Live-Bild wiedergibt, das hintere Display dagegen ausschließlich für Menü und Bild-Review zur Verfügung steht. Damit verhält sich die CL ein wenig wie eine DSLR und wird wahrscheinlich auch etwas weniger Energie verbrauchen. Dieser Modus scheint bei CL-Fotografen beliebt zu sein. Für mich ist das keine Option, da ich Bilder auch gern einmal von einem höheren oder niedrigeren Standpunkt aus mache und dabei dann das hintere Display für die Komposition benötige.

Seite 4 ist den eher technisch/organisatorischen Dingen vorbehalten. Dazu gehören die Tastenbelegungen (für die FN-Taste und das rechte Einstellrad), WLAN (zur App kommen wir gleich), Energiespareinstellungen, diverse Töne und Details für den Wiedergabemodus (Clipping und Histogramm - zwei durchaus nützliche Optionen die ich als groben Anhaltspunkt gern nutze).

Seite 5 schließlich beinhaltet die üblichen Verdächtigen wie das Zurücksetzen der Kamera, Karte formatieren, Sprache und Datum/Zeit.

 

L1000135.jpg

 

Am gesamten Menü fällt mir ein einziger Kritikpunkt auf: je nach Betriebs- oder Szenemodus der Kamera werden verschiedene Punkte ausgegraut angezeigt und sind damit nicht verstellbar. Das kann für Konfusion sorgen und sollte zugunsten der Durchgängigkeit der Bedienung vermieden werden. Die an der Kamera vorgenommenen Einstellungen sollten nicht den Menüumfang vorgeben - es muss eigentlich genau anders herum sein. Wenn der Nutzer in das Menü geht um dort explizit etwas zu ändern, ist davon auszugehen, dass er das auch wirklich will. Im Zweifel sollte das dann andere, eventuell vorher an der Kamera getätigte Einstellungen aushebeln.

Darüberhinaus wirkt das Menüsystem logisch, übersichtlich und verständlich. Kein einziger Menüpunkt fällt durch dämliche Abkürzungen auf, Rätselraten kann unterbleiben. Zwar war auch das Menü in der X-Pro2 nicht wirklich schlecht, aber die CL ist schon noch ein ganzes Stück schlanker unterwegs, ähnlich wie meine alte M240, mit ein paar Zugaben.

Eine dieser Zugaben ist die WLAN-Funktionalität (und die App) - eine Sache, der ich eigentlich immer etwas skeptisch gegenüberstehe.

 

WLAN und App

Zunächst einmal gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten, mit der Kamera zu kommunizieren. Zum Einen kann die CL ein eigenes WLAN aufspannen, somit kann man z.B. eine direkte Verbindung mit einem Smartphone herstellen.

Zu Hause sollte man die CL hingegen einfach in das eigene WLAN "hereinlassen". Sofern sich das Smartphone im gleichen Netzwerk befindet, können beide Geräte auf diesem Wege unkompliziert miteinander in Verbindung treten.

Um die Leica-CL-App nutzen zu können, benötigt man ein Android-Gerät oder ein iPhone. Ich selbst habe es mit meinem iPhone ausprobiert und kann berichten, dass das Herstellen der Verbindung stets unverzüglich und problemlos geklappt hat.

Die App selbst ist schick und selbsterklärend. Man kann die CL damit fernsteuern, durch die Bilder browsen und/oder diese auf das Smartphone kopieren - wohlgemerkt im JPG- als auch im RAW-Format.

 

L1000120.jpg

 

Für mich sehr interessant ist die Möglichkeit, die Kamera im Server-Modus laufen zu lassen. Wenn sie nämlich so mit dem WLAN verbunden wurde, kann man über einen beliebigen normalen Browser durch Eingabe einer URL auf die Bilder in der Kamera zugreifen. Diese Funktion würde ich gern als kleinen Ersatz für die nichtvorhandene USB-Buchse nutzen, dummerweise kann man aber nur auf die JPG-Bilder zugreifen, nicht auf die RAWs - obwohl es gerade hier Sinn machen würde. Andererseits... die SD-Karte ist auch sehr schnell über ein USB-3-Lesegerät auf den Rechner kopiert ohne dass die Kamera dazu angeschaltet sein muss und den Akku verbraucht. Im Gegenteil, der kann in dieser Zeit schon wieder laden. Somit ist der Zugriff über den Browser zwar ein nice-to-have, aber vielleicht doch nicht so praktikabel.

Zum Ausgleich dafür, dass das Gerät nur Platz für eine Steckkarte bietet, gibt es den sogenannten Backup-Modus. Er soll dafür sorgen, dass sich die Kamera permanent mit dem Smartphone verbindet und jedes (JPG-)Foto als Backup zusätzlich dorthin schickt. Ich sage es einmal so: würden wir in einer perfekten Welt leben wo eine durchschnittliche Laufzeit des Akkus 5 Tage betrüge, hätte ich das bestimmt permanent angeschaltet, schon allein um schnell mal ein Foto zu posten oder zu verschicken. Ich vermute jedoch, dass der ohnehin schon sehr geforderte Akku so noch viel mehr belastet wird und man dann noch auf 100 Bilder pro Ladung kommt... daher werde ich dieses Feature wohl eher nicht nutzen - behalte mir jedoch einen Test und eine eventuelle Revision meiner Aussage ausdrücklich vor.

 

ISO-Reihe

Damit kommen wir nun abschließend zur bereits angekündigten ISO-Reihe. Ich habe die Bilder voll manuell (im RAW-Format) aufgenommen und im Lightroom hinterher alle relevanten Einstellungen (z.B. Farbrauschen, Schärfen) auf 0 gesetzt. Der hier gezeigte Bildausschnitt entspricht einer 1:1-Vergrößerung, die Bilder sind völlig unbearbeitet. Möchte man jeweils das volle Bild sehen, kann man den Bildausschnitt anklicken. Auch ein Download ist dann möglich.

 

ISO 100ISO 100 ISO100

 

ISO 200ISO 200 ISO 200

 

ISO 400ISO 400 ISO 400

 

ISO 800ISO 800 ISO 800

 

ISO 1600ISO 1600 ISO 1600

 

ISO 3200ISO 3200 ISO 3200

 

ISO 6400ISO 6400 ISO 6400

 

ISO 12500ISO 12500 ISO 12500

 

ISO 25000ISO 25000 ISO 25000

 

ISO 50000ISO 50000 ISO 50000

 

Für mich persönlich sind die Aufnahmen bis ISO 6.400 problemlos nutzbar. Darüberhinaus gelingt es sogar noch bei ISO 50.000, das Farbrauschen mit Lightroom ganz gut in den Griff zu bekommen. Verwenden würde ich solche Bilder trotzdem nicht mehr, für den Notfall mag es aber Sinn machen.

Insgesamt greift die Kamera-Elektronik beim RAW hinsichtlich Rauschen etwas weniger ein als bei Fuji oder Sony üblich. Dadurch bleibt die Bildschärfe aber auch höher und es werden nicht so viele Details ausgebügelt. Wieviel Inhalt ich dann dem entrauschen opfern möchte, kann ich somit im Lightroom selbständig entscheiden - insbesondere bei S/W-Aufnahmen würde ich hier wahrscheinlich gar nicht eingreifen und lieber vom höheren Schärfe- und Detaileindruck profitieren.

Das soll es für Teil 3 schon gewesen sein. Bis zum vierten und letzten Teil wird nun etwas mehr Zeit vergehen. Ich möchte praktische Erfahrung sammeln, über Zubehör berichten (das es im Moment noch nicht zu kaufen gibt) und auch die JPG-Funktionalität der Kamera ausprobieren. In einem Fazit wird es schließlich auch um einige Kleinigkeiten gehen, die ich derzeit noch für verbesserungswürdig erachte.

 

Bilder der Kamera (Quelle): Leica Camera AG


Kommentare

Keine Kommentare veröffentlicht.
Wird geladen...