Leica X-Vario - Übertroffene Erwartungen

May 29, 2016  •  19 Kommentare

Im aktuellen Leica-Produktportfolio sticht eine Kamera heraus, die in den letzten Jahren für viele Diskussionen gesorgt hat und die vor allem in der Einführungsphase stark polarisierte. Von welchem Gerät spreche ich hier? Die meisten werden sofort darauf kommen: von der Leica X-Vario.

Kaum eine Kamera hat mich gedanklich so beschäftigt, wie dieses Gerät. 2014 zunächst etwas unglücklich als Mini-M angekündigt und beworben, erweckte sie wohl vollkommen falsche Erwartungen. Ich kenne viele Fotografen, die zwar gern eine Leica hätten, es sich aber nicht leisten können oder wollen. Gerade in diesen Kreisen wurden mit der Mini-M-Kampagne wohl unrealistische Hoffnungen geschürt, die dann schnell in Enttäuschung umschlugen. Sowas ist in Zeiten des Internets immer schlecht, weil es von der Enttäuschung nur noch ein kleiner Schritt zu einem veritablen Shitstorm ist. Aber auch alteingesessene "Fanboys" wie Steve Huff fanden ungewohnt deutliche Worte. Ich erinnere mich an sein legendäres Review: The good, the bad, the ugly. Er lieferte einen ziemlichen rant ab und obwohl ich die Kritikpunkte verstand und auch nachvollziehen konnte, sprachen mich die mit der Kamera gemachten Bilder sehr stark an und ich dachte immer wieder: "Aber die Fotos sind doch richtig gut..."

 

18mm, F8.0, 1/400, ISO100

 

Während ich das Drama im stillen Kämmerlein (wie so oft) verfolgte, liefen mir immer wieder solche guten Fotos über den Weg. Deshalb versuchte ich, mich von der leidenschaftlichen Diskussion etwas zu lösen und das Ganze sachlicher zu betrachten. Vielleicht war die X-Vario ja auch einfach ein Gerät, auf das man sich einlassen muss, an dem man sich etwas reiben muss. Vielleicht waren viele auch einfach zu schnell mit ihren Urteilen, die oft nur auf nackten, aus dem Kontext genommenen technischen Daten beruhen? Ist das nicht eigentlich bei der M immer sehr ähnlich gewesen?

 

30mm, F5.0, 1/250, ISO100


Die Zeit verging und tausend fantastische Kameras kamen und verschwanden wieder. Viele Geräte schaute ich mir an, probierte sie aus, nickte anerkennend... und vergaß sie nach einer Weile. Die X-Vario hingegen blieb im Kopf. Immer wieder suchte ich in Foren nach Meinungen und las darüber. Es kristallisierte sich scheinbar heraus, dass die technisch orientierten Reviewer eher unversöhnliche auftraten, die Besitzer mit dem Fokus auf der Fotografie an sich jedoch mehrheitlich einen sehr zufriedenen Eindruck machten. Offenbar ist die X-Vario kein Gerät, das mit viel Bling Bling aufwarten kann. Die Geeks wollen eben immer den schnellsten Autofokus, die beste Lichtstärke, die meisten Megapixel. Nur komisch, dass ich von solchen Leuten / Redakteuren nur selten ansprechende Fotos (wenn überhaupt) zu sehen bekomme. Mal ehrlich, wer braucht schon den besten Fotoapparat, wenn er damit nur Mauern und Testcharts fotografiert? Okay, das Argument ist unfair und eigentlich auch Blödsinn, aber ich wollte es trotzdem mal gesagt haben.

 

46mm, F6.4, 1/160, ISO100

 

Wenn aber die echten Nutzer der X-Vario zufrieden schienen, sprach das dann nicht für die Kamera? Irgendwas muss ja dran sein! Dieser Gedanke ließ mich einfach nicht los.

Wir sind aktuell daran gewöhnt, dass in der Elektronikbranche immer neue Rekorde gerissen werden. Das nehmen wir als gegeben hin. Wir werden mit Features überschüttet, die man nur einmal braucht: beim Verfassen des Werbetextes. Einen großen Teil davon nutzen wir selten bis überhaupt nicht.

Deswegen mutete es wohl auch auf den ersten Blick so blasphemisch an, dass eine Kamera in dieser Preisklasse gar kein lichtstarkes Objektiv vorzuweisen hatte. Kein Spiel mit Schärfe und Unschärfe! Kein Bokeh! Nur ein lichtschwaches, großes Zoom? 

Nun, zu jenem "lichtschwachen" Zoom komme ich gleich noch. Sprechen wir ersteinmal über das Thema selektive Schärfe.

 

18mm, F5.0, 1/250, ISO100

 

Mit dem lichtschwachen Zoom der X-Vario kann man ja gar nicht freistellen!

Diese Aussage war und ist immer das Haupt-Totschlag-Argument gewesen. In der Tat ein schwieriges Thema! Auch ich nutze mein Summilux gern mit F1.4 und mag den Effekt. Ich muss aber zugeben, dass er nur gelegentlich nützlich einsetzbar ist. Man kann nicht immer alles mit Offenblende fotografieren, im Gegenteil, nur ein geringer Anteil meiner Bilder prahlt mit schickem Bokeh! Dort, wo es passt, ist es sehr schön, aber das hängt vom Licht, dem Motiv und der Gesamtsituation ab. Bei vielen fotografischen Genres braucht man es nicht und vermeidet es sogar.

 

32mm, F5.6, 1/500, ISO100

 

Man möge sich nur einmal vergegenwärtigen, wie viele Fotografen auf der Erde herumlaufen, für die selektive Schärfe gar keine Rolle spielt! Unendlich viele Fotos werden mit kleinen Sensoren gemacht. Ergebnis: alles scharf, von der Fußspitze bis zum Horizont. Doch auch zahllose DSLR-Nutzer mit Kit-Zooms bleiben bei diesem Thema meist außen vor. Künstlerisch weniger bewanderten Menschen mögen unscharfe Bereiche im Bild sogar als Fehler erscheinen.

Auch Profis stellen ihr Motiv wirklich nur dann mit Offenblende frei, wenn es gestalterisch Sinn macht. Unzählige legendäre Fotografien, preisgekrönte Bilder - sie alle sind ohne Bokeh ausgekommen.

 

46mm, F6.4, 1/320, ISO100

 

Kurz gesagt, ich denke, dieses Thema wird allgemein überbewertet. Es hat sich als eine Art Qualitätsmerkmal unter Insidern etabliert, frei nach dem Motto: seht her, ich nutze ein teures professionelles Objektiv. Gerade auch in der Leica-Welt (und da nehme ich mich nicht aus!) zeigt man halt gern, dass man ein Summilux oder Noctilux verwendet. Notfalls mit ND-Filter davor, hauptsache die Blende schön offen, egal ob es Sinn macht, oder nicht. Sicherlich gibt es Fotografen (wie z.B. Thorsten van Overgaard) die Offenblende zu einem eigenen, oft traumhaft schönen Fotografie-Stil weiterentwickelt haben. Es gibt relevante Anwendungen wie die Portraitfotografie, aber davon abgesehen ist es nicht automatisch "Kunst", wenn man jedes nur erdenkliche Objekt krampfhaft vom Hintergrund isoliert. Wir sind darauf fixiert und während man die lichtstarken Objektive früher brauchte, weil die Filme nicht lichtempfindlich genug waren (und im Austausch dafür die Unzulänglichkeit der geringen Schärfentiefe wohl oder übel hinnehmen musste), erheben wir diese ehemalige Einschränkung nun zum unbedingten Gradmesser von Kunst oder befinden gar nur über die Lichtstärke, ob ein Objektiv gut oder schlecht sei.

 

18mm, F3.5, 1/640, ISO100

 

Gute und schlechte Objektive

Tatsächlich zählt nicht nur die Lichtstärke zu den Merkmalen einer guten Optik. Im Gegenteil, es gibt auch ausgesprochene Krücken mit hoher Lichtstärke. Zu finden vorzugsweise im Billigsegment bekannter Massenhersteller, meist begleitet von dem Satz: "ab Blende 4.0 ist die Schärfe im Zentrum gut" (bedeutet, dass die Schärfe bei Offenblende miserabel ist, was man sich auch mit dem Attribut "klassischer Look" schönreden kann). Die Frage muss also sein: Wenn ich eh abblenden muss, damit ich ein scharfes, fehlerfreies Bild kriege - wozu brauche ich dann ein hochgeöffnetes Objektiv?! Die Zeiten des ISO-200-Filmes sind ja nun doch vorbei...

 

18mm, F8.0, 1/30 aus der Hand, ISO200

 

Lichtstärke ist also bei weitem nicht alles. Eine hochgeöffnete Blende ist mittlerweile nur noch ein Stilmittel, ein Effekt. Irgendwann werden die das bei Instagram auch merken und einen Filter entwickeln, der Bokeh und Unschärfe auf Knopfdruck hinzufügt. Oder gibts das schon?

Nein, ich möchte hier keine krampfhaften Entschuldigungen für die geringe Lichtstärke des X-Vario-Objektives finden. Solch eine Entschuldigung ist aber auch gar nicht nötig. Es gibt eine Vielzahl anderer Faktoren, die noch dazu wesentlicher für die Qualität des Bildes sind, als das Thema Lichtstärke. Leica musste alle Faktoren gegeneinander abwägen. Ein Weltklasse-Zoom mit hoher Öffnung in dieser geringen Größe ist schlicht nicht machbar, also legte man das Augenmerk auf die Faktoren, die für die Mehrheit der Fotografen (und vor allem für das potentielle Bild) von hoher Priorität waren. Und da sind Themen wie Schärfe (Auflösung), Verzeichnung und der Umgang mit diversen Abbildungsfehlern (wie Abberationen) nun mal wesentlicher als ultrahohe Lichtstärke. Man darf nicht vergessen, wir leben in Zeiten, in denen ein Sensor mühelos ISO3200 oder mehr beherrscht.

 

18mm, F8.0, 1/30 aus der Hand, ISO1250

 

Wenn der geneigte Leser an dieser Stelle noch munter ist, wäre es wohl Zeit für einen Kaffee. Ich bin nämlich noch nicht am Ende, sondern ich werde gerade langsam warm. Zum Thema "schlechtere vs. bessere Objektive" fällt mir aus dem Stegreif immer eine Menge ein.

Zum Beispiel diese Story: Erst vor kurzem ging es wieder um eine Sony A5100 für meine Frau. Erstklassiger 24-Megapixel-Sensor, da brauchen wir uns bei Sony nichts vorzumachen. Mit dabei sollte - aus Gründen von Größe und Gewicht - das Standardzoom sein, ein kleines 16-50mm F3.5-5.6. Leider (oder glücklichwerweise?) las ich vorher einige Meinungen und Testberichte durch und da waren sie wieder: all die Probleme, die ich mit Leica nie gehabt hatte. Bei Offenblende unscharf, starke chromatische Abberationen, unsauberer Schärfeverlauf über die Bildfläche, üble Verzeichnung, die Ecken mies, generell nicht im Ansatz in der Lage, den Sensor auszunutzen. Und dann noch der Satz: Um das Potential der A5100 wirklich freizulegen, bedarf es eines anderen Objektives.

 

18mm, F8.0, 1/250, ISO100

 

Doch selbst bei den höherwertigen Objektiven von Sony stieß ich immer wieder auf die altbekannten Diskussionen. Kompromisse hier und da, am langen oder am kurzen Ende, Schärfe hier gut, dort weniger. Ein Zoom, lernt man dann, ist halt immer nur ein Kompromiss. Damit muss man halt Leben. Oder man kauft die nächste Version, die soll nämlich vielleicht ein bisschen schärfer in den Ecken sein. Dafür sind die chromatischen Abberationen nicht so gut... Millionen von Foren-Threads sind gefüllt mit solchen Diskussionen.

Klar, für einen Anfänger oder Gelegenheitsfotografen mag das völlig reichen. Aber jeder, der mit halbwegs Herzblut fotografiert, stolpert schnell über die Unzulänglichkeiten. Das es die Mehrheit der Fotografen ja dann doch stört, zeigen eben jene ausufernden Diskussionen im Internet.

 

46mm, F8.0, 1/100, ISO100

 

Mein letzter persönlicher Reinfall in dieser Hinsicht war das Zeiss FE24-70 F4.0 für sie Sony A7-Reihe, der Testbericht ist hier nachzulesen. Ich hatte einfach irgendwann genug von diesen ewigen Einschränkungen (Abblenden für optimale Bildleistung) und dem Selbstbetrug (Unscharfe Ecken bei 24mm? Nicht so wichtig, da schaut eh keiner hin...)

Bei Leica bin ich immer vor diesen Problemen gefeit gewesen. Klar gibt es auch Spitzenobjektive anderer Hersteller, aber meist stechen die dann preislich ebenfalls aus der Masse heraus. Von nichts kommt eben nichts.

 

46mm, F6.4, 1/200, ISO100

 

Obwohl also richtig gute Objektive deutlich teurer sind, bedeutet das für mich auf lange Sicht die bessere Investition. Ich bin zufrieden, ich habe meine Ruhe, ich kaufe nicht alle Jubeljahre etwas neues, weil mich der alte Kram mit irgendwelchen Mängeln ärgert. Wenn andere über verschmierte Ecken und Probleme mit Gegenlicht diskutieren, gehe ich entspannt fotografieren.

Was hat das nun alles mit der X-Vario zu tun? Ganz einfach, ich möchte ein Gefühl dafür geben, wo die X-Vario optisch zu verorten ist, wo sie herkommt und wofür sie steht. Auch der Preis ist in dieser Relation zu sehen. Zu viel Geschirr ist bei dem ganzen Gemeckere über das lichtschwache Zoom zerschlagen worden und am Ende hatte man vergessen, worum es eigentlich ging. Nämlich darum, dass die X-Vario ein relativ kompaktes Zoom-Objektiv besitzt, welches trotz geringer Lichtstärke in Bereiche vorstößt, in denen sonst nur teure Festbrennweiten zu Hause sind. Als ich diese Aussage erstmals hörte, lächelte ich und dachte mir: "Ja ja, ein Zoom. Wie soll das denn gehen?" Darüber, wie das geht, sprechen wir in Kürze noch.

 

46mm, F8.0, 1/160, ISO100

 

X-Vario - Erster Eindruck, Haptik, Menü

Schauen wir uns das gute Stück einmal an. Die X-Vario wird in der selben hochwertigen Verpackung wie alle anderen Leicas geliefert, inklusive einem anständigen Handbuch, das den Namen auch verdient. Leica legt auch einen sehr schönen Ledergurt bei. Der ist definitiv praktischer und angenehmer zu tragen als der M240-Gurt mit seinen Nacken-Gummi-Stacheln. Gefällt mir!

Nimmt man die Kamera in die Hand, kommt tatsächlich ein gewisses Mini-M-Feeling auf. Das Design ist stark an die M angelehnt, andererseits aber auch an die X-Serie. Das Gehäuse ist nicht zu klein, eine Point-&-Shoot ist sie definitiv nicht. Die Tasten sind hochwertig und haben einen guten Druckpunkt. Es klappert oder knarzt natürlich nichts, wie üblich findet man keine minderwertige Plastik. Die Bedienung ist selbsterklärend. Es gibt einen Zoomring, einen Ring zum Einstellen der Schärfe (der eigentlich nicht mechanisch funktioniert, sich jedoch genau so anfühlt), und jeweils ein Einstellrad für Verschlusszeit und Blende.

Der Wechsel zwischen automatischen und manuellen Modi ist infolge der Anordnung der Bedienelemente beispielhaft einfach. Sowohl Verschlusszeitenrad als auch Blendenrad und Autofokus haben neben den manuellen Einstellmöglichkeiten jeweils eine Automatik-Position. Damit kann man beliebige Kombinationen wählen. Stellt man alle drei Elemente auf "A", aktiviert man den Vollautomaten. Ich finde das selbsterklärend, den mir ist immer bewusst, welches Element ich verstelle und damit priorisiere, oder auf Automatik setze. Niemand muss sich hier mit dem PASM-Modus-Wahlrad auseinandersetzen. Ich kenne tatsächlich viele ältere Fotografen, die sich damit schwertun, einfach weil ihnen die englischen Begriffe (A)perture oder (S)hutter nicht bekannt sind. Spricht man jedoch von Blende und Verschlusszeit, wissen sie sofort, was gemeint ist. Einsteiger hingegen sind eingeschüchtert, wenn man mit so Sätzen wie "A bedeutet Blenden-Priorität" um sich wirft. Stellen sie die Blende aber manuell ein und alles andere auf "A", verstehen sie intuitiv, was sie da tun.

Der Umfang des Menüs ist ähnlich dem in der M. Es ist beschränkt auf die wichtigen und wesentlichen Einstellungen, man findet lediglich noch einige Parameter zum Autofokus. Schlecht ist nach wie vor, dass es RAW nur im Doppelpack mit JPG gibt. Das hatte mich schon bei der Q geärgert und ist für mich schlicht Speicherplatzverschwendung.

Gimmicks wie Motivprogramme oder spezielle Bildeffekte fehlen konsequenterweise komplett. Ich begrüße das ausdrücklich, denn all diese Dinge sind reine Marketing-Gewächse, die wirklich niemandem etwas bringen. Selbst ein Einsteiger ist schneller, wenn er die Blende verstellt, um die Schärfentiefe zu variieren, als wenn er über ein umständliches Menü ein passendes Motivprogramm sucht und auswählt. Er muss halt nur wissen, wofür die Blende da ist, was man ihm idealerweise in Form eines Handbuchs kurz näherbringen könnte. Geht natürlich schlecht, wenn man selbst komplexen Geräten nur ein Faltblatt in 70 Sprachen beilegt. (Stimmt's, Sony?)

Doch selbst bei Leica habe ich ein paar wenige Menüpunkte gefunden, deren Bedeutung nicht selbsterklärend war, wie zum Beispiel die Einstellungen "Menü auf Monitor". Dahinter verbirgt sich eine eigentlich nützliche Sache. Nutzt man nämlich den externen Viewfinder an der X-Vario, kann man hier angeben, wo das Menü erscheinen soll (im Viewfinder oder auf dem hinteren Display).

Externer Viewfinder? Ja, die X-Vario bietet die Möglichkeit, den von der M her bekannten elektronischen EVF-2 zu nutzen, der mittlerweile etwas in die Jahre gekommen ist. Der EVF-2 ist baugleich mit dem Olympus VF-2. Mit seinen 1,4-Megapixeln Auflösung ist er gut nutzbar aber natürlich kein Vergleich mehr zur aktuellen Speerspitze der Technologie, die man in den Leica-Geräten Q und vor allem SL wiederfindet.

Ich habe ihn letztendlich auch gar nicht gebraucht, denn selbst bei hellem Sonnenschein empfand ich das Display der Leica als sehr gut nutzbar. Es hat eine Auflösung von 900.000 Bildpunkten und erlaubt infolgedessen selbst bei manuellem Fokussieren eine sehr genaue Beurteilung der Schärfe. Zur Hilfestellung kann man auf dem Display zur Unterstützung einen vergrößerten Bereich einblenden und mit dem Steuerkreuz frei verschieben - ein sehr willkommenes Feature. Befindet man sich im manuellen Modus, wird die Belichtung auf dem Life-View akkurat dargestellt.

Die Belichtungskorrektur ist jeweils auf dem hinteren Steuerkreuz (oberhalb der Info-Taste) und im Menü untergebracht. Individuelles Belegen der Bedienelemente ist übrigens nicht möglich, angesichts der übersichtlichen Bedienung aber auch nicht notwendig.

Nicht so schön finde ich, dass die längstmögliche Belichtungszeit wieder nur bei 30 Sekunden liegt. Schade, denn die X-Vario lädt mit ihrem hochwertigen Objektiv und der Möglichkeit, Filter (43mm Durchmesser) zu nutzen, durchaus zu Landschaftsfotografie ein. In diesem Genre arbeitet man jedoch gern mit noch längeren Belichtungszeiten, etwa um Personen verschwinden zu lassen, Wolken zu verwischen oder Wasser zu glätten. Sehr sympathisch finde ich hingegen, dass man nach längeren Belichtungszeiten auf die zweite Zwangsbelichtung gegen den Verschluss verzichtet (Subtraktion von Rauschmustern). Das ist bei diesem Sensor scheinbar nicht notwendig, in jedem Falle beschleunigt es die Abläufe etwas.

Nicht nur komplett schwarz, sondern auch im etwas klassischeren Look erhältlich.

 

Weil wir gerade beim Thema Stativ und Landschaftsfotografie sind: im Hinblick darauf vermisse ich definitiv die Möglichkeit zur Fernauslösung. Wenigstens einen Kabelfernauslöser sollte man anschließen können. Bleibt nur der Selbstauslöser, den man nicht im Menü (wo ich ihn erst ewig gesucht habe), sondern ausschließlich auf der linken Seite des Steuerkreuzes findet. Nicht ganz zu Ende gedacht: der Selbstauslöser schaltet sich nämlich nach jedem Foto immer wieder ab und muss dann erneut manuell aktiviert werden. Beim Arbeiten auf dem Stativ kann das ziemlich nervtötend sein.

Naja, und eine elektronische Wasserwaage zum Einrichten der Kamera wäre auch super gewesen. Aktuell gibt es nur die Möglichkeit, ein Raster einzublenden.

Optionales Zubehör: Handgriff für die X-Vario

 

Noch ein kleiner Tipp: Man sollte immer darauf achten, dass man die aktuellste Firmware aufgespielt hat, da diese einige ergonomische Verbesserungen bereithält (z.B. kann man im Menü dann auch Dinge mit der Info-Taste des Steuerkreuzes auslösen, was Anfangs nur der SET-Taste vorbehalten war).

Schalten wir die Kamera doch einfach einmal ein...

 

18mm, F8.0, 1/320, ISO100

 

Handling, Autofokus, Akkulaufzeit, Belichtung

Hier treffen wir auf ein... nennen wir es Entwicklungsfeld. Die X-Vario ist wirklich nicht die Schnellste. Zum Beispiel dauert es recht lange, die Bildvorschau mit der hinteren Play-Taste aufzurufen. Auch die Einschaltzeit verlangt nach etwas Geduld. Ich muss zugeben, dass ich dadurch ein, zwei fotografische Momente verpasst habe. Zudem hatte ich ab und zu das Pech, beim Fotografieren exakt auf den Moment zu treffen, in dem sich die Kamera automatisch abschaltete. Dieser Abschaltvorgang dauert schon recht lange, da Reaktivieren dann ebenfalls wieder. Hinsichtlich der meiner Meinung nach bevorzugten Nutzung in eher langsamen fotografischen Genres sehe ich diese Eigenschaften relativ entspannt. Dennoch würde eine etwas rasantere Hardware an dieser Stelle noch deutlich mehr Bedienkomfort bringen.

 

18mm, F8.0, 1/30 aus der Hand, ISO160

 

Das trifft auch auf den Autofokus zu, den in meinen Augen einzigen echten Schwachpunkt dieses Gerätes. Das Tempo ist zwar bei guten Lichtverhältnissen ganz okay, das System wird aber bei weniger Licht schnell sehr langsam und auch etwas unsicher. Diese Unsicherheit ist jedoch nicht nur auf Dunkelheit beschränkt. Ich hatte selbst bei Tageslicht einige wenige Bilder (von hunderten), wo mir das System eine erfolgreiche Scharfstellung signalisierte, tatsächlich jedoch knapp daneben lag. Das sollte nicht passieren. Ebenso scheint es Probleme mit der Unendlichkeitseinstellung zu geben. Ist das Messfeld z.B. im Bereich des Himmel oder in weit entfernten Gefilden, findet es nicht genügend Kontrast und verweigert den Dienst. Das ist natürlich ein ganz grundsätzliches Problem des Kontrastautofokus, aber bei anderen Leica-Geräten klappt es ja auch. Bei Landschaftsaufnahmen habe ich dann häufig manuell auf Unendlich gestellt, das geht bei der einfachen Bedienung leicht und schnell.

 

18mm, F8.0, 1/60 aus der Hand, ISO100

 

Die Akkulaufzeit empfand ich als auffällig gut. Ich hatte einige Tagesausflüge mit der Kamera und bin trotz exzessiver Nutzung nie auch nur im Ansatz in Bedrängnis geraten. Der Akku war Abends immer noch zu mindestens zwei Dritteln voll und damit ist die X-Vario wirklich entscheidend besser als andere Geräte wie z.B. die Sony A7-Serie. Bei meiner A7r kann man förmlich zuschauen, wie sich der Akku leert.

Die Belichtungsautomatik nutzte ich hauptsächlich im Mehrfeld-Modus. Die Kamera produziert sehr ausgewogen belichtete Aufnahmen und versucht immer, den Himmel nicht ausbrennen und dunkle Bereiche nicht absaufen zu lassen. Das die JPGs so gut sind, liegt daher auch an der oft wirklich passend ermittelten Belichtung. Hier scheint ein sehr akribisch entwickelter Algorithmus dahinterzustecken. Ich empfand das System optimaler als bei meiner Nikon D600 oder der Sony A7R. JPGs direkt aus der Kamera sind damit wirklich vorzeigbar (solch eine Äußerung ist mir bisher noch bei keiner Kamera über die Lippen gekommen). Die hier gezeigten JPG-Beispiele entstanden mit der mittleren Farbwiedergabe-Einstellung "lebendig".

 

37mm, F5.6, 1/80, ISO100 - Hier die Bearbeitung des RAWs im Lightroom...

 

...und hier das JPG direkt aus der Kamera.

 

46mm, F6.4, 1/250, ISO100 - Hier die Bearbeitung des RAWs im Lightroom...

 

...und hier das JPG direkt aus der Kamera.

 

18mm, F4.5, 1/800, ISO100 - Hier Bearbeitung des RAWs im Lightroom...

 

...und hier das JPG direkt aus der Kamera.

 

46mm, F6.4, 1/200, ISO100 - Hier Bearbeitung des RAWs im Lightroom...

 

...und hier das JPG direkt aus der Kamera.

 

18mm, F5.0, 1/800, ISO 100 - Hier Bearbeitung des RAWs im Lightroom...

 

...und hier das JPG direkt aus der Kamera.

 

Für meinen Geschmack könnte die automatisch ermittelte Belichtung vielleicht einen Tacken weniger weit "rechts" (also auf den Highlights) liegen. Ich regelte die Belichtungskorrektur häufig ein wenig nach links (-0.5 bis -1.0 EV), um wirklich sicherzugehen, dass der Himmel nicht wegbrennt. Das ist aber eigentlich "Meckern auf hohem Niveau" und vielleicht auch meinem persönlichen Geschmack geschuldet.

Die Verschlusszeit wird von der Automatik oft recht niedrig gewählt. Das System lässt die ISOs weit unten und gibt mir lieber Zeiten von 1/30 bis 1/80. Insbesondere am Ende der Tele-Stellung muss 1/80 jedoch nicht unbedingt sein. Da ich den komischen Software-Bildstabi nicht benutze (meine Maxime lautet: entweder optischer Stabi oder gar nix), stellte ich mir die Kamera so ein, dass sie mir am Tage mindestens ein 1/128 gibt und dafür die ISO-Werte hochzieht, was bei dem Sensor gar kein Problem ist. Die Optik ist so fantastisch, es wäre eine Schande, die erreichbare Schärfe durch Verwacklung zunichte zu machen.

 

18mm, F5.0, 1/250, ISO100

 

Optik und Bildqualität

Und damit kommen wir zur ganz großen Stärke dieser Kamera. Um genau zu sein punktet die X-Vario hier so massiv, dass ich all meine kleinen Beanstandungen immer wieder beiseite schob und ihr die Schwächen gern verzieh.

Ich bin kein APS-C-Fan. Da ich die Fotografie zu Filmzeiten hinter mir gelassen habe und erst viel später im digitalen Zeitalter zurückkehrte, machte ich faktisch sofort mit 35mm Vollformat weiter und empfand alles andere als unnötige Kompromisslösung. Mich nervte ganz allgemein das Crop-Faktor-Umgerechne und anfänglich war der Qualitätsunterschied zwischen Fullframe und APS-C (gerade auch bei wenig Licht und beim Thema Dynamik) noch relativ groß.

 

46mm, F6.4, 1/80, ISO160

 

Den etwas älteren 16-Megapixel-APS-C-Sensor der X-Vario hatte ich daher auch immer mit einer gewissen Vorsicht, fast schon Geringschätzung, betrachtet. Die Auflösung selbst empfand ich als problematisch hinsichtlich einer möglichen Ausschnittsvergrößerung. Auch wenn ich kein Megapixel-Fetischist bin, galt für mich 18-24 MP bei Vollformat als Optimum. Tiefer wollte ich eigentlich nicht mehr gehen.

Mit entsprechend niedrigen Erwartungen machte ich mich somit ans Fotografieren. Bis zu diesem Zeitpunkt war mein Eindruck eher durchwachsen gewesen und ich zweifelte, dass die erziehlbare Bildqualität das Ruder noch sonderlich weit rumreißen könnte.

Meine Zweifel hielten genau so lange, wie ich die ersten Fotos im Lightroom betrachtete. Dabei kippte ich nämlich vor Staunen fast hintenüber und ich gebe es zu - das veränderte ein wenig mein Weltbild.

 

30mm, F5.0, 1/640, ISO100

 

Ich werfe einmal eine steile These in den Raum, indem ich sage: die Bildqualität, die die X-Vario abliefert, entspricht locker einer 4000-Euro-DSLR-Kombo. Und ich rede von Vollformat-DSLRs und von L-Objektiven (oder vergleichbarem).

Meine ersten Aufnahmen entstanden unter anderem in einem Park. Das bedeutet, wir reden über wenig differenzierte Farben, massig Details, hohe Kontraste und damit einhergehend die ganze Hölle sämtlicher Abberationen. Ich erwartete also viel grünen Detailmatsch und ausgebrannten Himmel mit lila Zweigen davor. Was ich stattdessen bekam, war so verdammt nahe an meiner M240 (mit Festbrennweiten!) oder an meiner Nikon D600 mit 24-70 F2.8, dass ich mich gar nicht wieder einkriegte. Ich meine, wir reden hier über ein 16-Megapixel-APS-C-Gerät. Trotzdem waren die Details alle da, bis in die letzten Ecken. Massen an Details und ein ungemein scharfer Bildeindruck.

 

18mm, F4.5, 1/400, ISO100

 

Fast war ich froh, festzustellen, dass der Himmel ein wenig ausgebrannt aussah. Hohe Kontraste halt, der Tod für jeden kleinen APS-C-Sensor - mein Weltbild nicht gänzlich zerstört. Doch Moment... Ein beherzter Griff zum Höhen-Regler im Lightroom brachte alle Details zurück. Einige Zeit später musste ich zugeben: die Dynamik des kleinen Sensors ist nicht schlechter als die Dynamik meiner M. Ich habe im Folgenden einige Bilder angefügt, die das illustrieren sollen. Klar, an einen aktuellen Sony-Fullframe-Sensor kommt sie nicht ganz ran, aber ich war trotzdem verblüfft, wieviele Informationen ich aus dunklen Bereichen und vor allem aus scheinbar ausgebrannten Gebieten noch retten konnte. Zeitweise hatte ich sogar den Eindruck, dass da noch etwas mehr geht als bei der M240.

 

Fast ausgebrannter Himmel? Kein Problem im RAW...

 

...wir holen uns den Himmel problemlos zurück. 18mm, F5.0, 1/320, ISO100

 

Generell kommt der APS-C-Sensor der X-Vario mit großen Kontrasten prima klar...

 

...wie die bearbeitete RAW-Aufnahme dieses Bildes zeigt. 18mm, F5.6, 1/400, ISO100

 

Ob die folgende Bearbeitung dieses Bild verbessert, sei dahingestellt...

 

...ich möchte lediglich zeigen, was möglich ist. 18mm, F5.6, 1/640, ISO100

 

Anstatt den Blitz zum Aufhellen des Vordergrundes einzusetzen...

 

...bietet die X-Vario auch bei diesem Bild genug Reserven im RAW. 46mm, F6.4, 1/125, ISO125

 

Die Farbwiedergabe ist leicatypisch ebenfalls sehr gut. Eher etwas zurückhaltend, aber dafür präzise auch bei komplizierteren Tönungen und Kombinationen. Ich mag die Leicafarben schon immer mehr als z.B. die Bonbonfarben von Nikon. Manchmal gerate ich an Bilder, bei denen ich mich im Lightroom zu Tode regele weil ich immer irgendwelche "Farbstiche" sehe. Das ist aber bei anderen Kameras genauso und wahrscheinlich eher auf ein "Farbstich-Hirnsyndrom" meinerseits zurückzuführen...

Den Weißabgleich erwischt die X-Vario stets perfekt, das hat Leica ja generell mittlerweile sehr gut im Griff. Auf jeden Fall ist die Trefferquote wesentlich besser als bei Sony.

Auf Grund der geringen Lichtstärke der Optik wird man mit der X-Vario schneller in höhere ISO-Regionen vorstoßen. Doch das ist absolut kein Grund zur Sorge, denn der Sensor leistet auch hier sehr gute Arbeit. Der gesamte ISO-Bereich der Leica ist bis ISO 3.200 sehr gut und bis ISO 6.400 gut nutzbar. ISO 12.500 ist dann eher für den Notfall. Mit Farbrauschen hält sich die X-Vario (wie bei Leica üblich) zurück. Insgesamt wirkt das Rauschen - wenn es denn auftritt - eher organisch und analog. Wie bereits erwähnt kann man die minimale Verschlusszeit ruhig etwas hochsetzen und die Elektronik dafür lieber die ISOs höher ausregeln lassen.

 

46mm, F6.4, 1/125, ISO800

 

Noch einige technische Anmerkungen zum Objektiv: das Vario-Elmar F3.5-6.4/28-70mm (Kleinbild) Asph. scheint auf den ersten Blick nicht besonders aufregend zu sein. Das stimmt im Grunde auch, denn aufregen muss man sich hier wirklich über nichts. Die Schärfe ist bei allen Brennweiten gleichmäßig hoch, vom Zentrum bis in die Ecken. Die Gesamtanmutung (inkl. Kontrast und Details) kommt dabei durchaus nahe an M-Optiken wie mein Super-Elmar-M 18mm heran. Ich kann das gar nicht oft genug herausstellen! Ansonsten können wir uns hier ziemlich kurz fassen. Im Einklang mit meiner längeren Einleitung zum Thema Objektivbaukunst kann ich nur sagen, dass Vignettierung, Verzeichnung und diverse Abberationen keine Rolle spielen. Einige werden jetzt anmerken, diese gute optische Performance würde zum Teil dadurch erkauft, dass man den Bildern der X-Vario zur Korrektur ein integriertes Objektivprofil mitgibt, doch ich halte das angesichts des guten Ergebnisses für legitim. Eine rein optisch basierte Korrektur hätte sicherlich Größe, Gewicht und Preis in die Höhe getrieben.

Der Brennweitenbereich von 28-70mm (umgerechnet auf Kleinbild) entspricht den häufigsten praktischen Erfordernissen, wobei ich eine Ausweitung auf 24mm noch ein klein wenig cooler gefunden hätte.

Das Gegenlichtverhalten war meines Erachtens nach völlig unproblematisch.

 

Die allseits geliebte selektive Schärfe ist ein schwieriges Thema... 30mm, F5.0, 1/500, ISO100

 

Wichtig bei all dem ist, sich immer wieder vor Augen zu führen, dass wir hier über ein doch relativ kompaktes Zoom sprechen, also von einer Kompromiss-Konstruktion. In dieser Hinsicht zeugt das Vario-Elmar wirklich von massivem Know-How im Objektivbau. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man innerhalb dieser baulichen Abgrenzungen (Formfaktor, Gewicht) noch irgendetwas hätte besser machen können.

Der perfekt abgestimmte Sensor, der trotz seines Alters und seiner verhältnismäßig konventionellen Auflösung wirklich zur Höchstform aufläuft, ist das Tüpfelchen auf dem i. Ausschnittsvergrößerungen oder große Drucke sind daher kein Thema, man sollte sich hier wirklich nicht von den "nur" 16 Megapixeln verunsichern lassen.

 

18mm, F5.0, 1/800, ISO100

 

ISO-Reihe

Ich habe eine kleine ISO-Reihe erstellt. Genutzt wurden die JPGs direkt aus der Kamera. Soweit ich das erkennen konnte, führt Leica bei den JPGs keinerlei zusätzliche Rauschunterdrückung durch. Ich zeige hier nur jeweils einen 100%-Crop, der natürlich bezüglich Rauschen sehr ehrlich ist. Für eine Beurteilung mindestens genauso wichtig ist jedoch das Gesamtbild, welches sich beim Anklicken des jeweiligen Ausschnittes öffnet.

 

ISO100ISO100

Das Gesamtbild. Die Pinguine sind leicht außerhalb der Schärfe-Ebene. Nachfolgend die 100%-Ausschnitte...

 

ISO100_vollISO100_voll

ISO100

 

ISO200_vollISO200_voll ISO200

 

ISO400_vollISO400_voll ISO400

 

ISO800_vollISO800_voll ISO800

 

ISO1600_vollISO1600_voll ISO1600

 

ISO3200_vollISO3200_voll ISO3200

 

ISO6400_vollISO6400_voll ISO6400

 

ISO12500_vollISO12500_voll ISO12500 (Push)

 

Was es sonst noch so gibt...

Die Leica X-Vario verfügt über einen eingebauten Blitz, den ich nicht getestet habe. Ich versuche eigentlich immer, Blitzen zu vermeiden und das Thema blende ich auch konsequent aus. Ich kann daher nicht viel dazu sagen, habe aber der einschlägigen Fachliteratur entnommen, dass der kleine Blitz recht gut sein soll und seinen Zweck voll erfüllt. Allerdings hat die Kamera noch eine weitere interessante Eigenschaft, die mit dem Blitzen indirekt in Zusammenhang steht: einen Zentralverschluss. Diese eher ungewöhnliche Verschluss-Variante sorgt nämlich dafür, dass die Leica einen externen Blitz (und natürlich auch den internen) faktisch mit jeder Zeit synchronisieren kann. Wer sowas braucht, muss nun nicht mehr zwingend den Gegenwert eines Kleinwagens für eine Mittelformatkamera ausgeben, sondern kann seine Aufnahmen auch mit der X-Vario machen. Dieses Feature ist in meinen Augen sehr unüblich für diese Kamera-Klasse und auch ungemein spannend. Es unterstreicht, dass die kleine Leica keinesfalls nur eine kompakte Urlaubskamera ist, sondern ein durchaus spezielles Werkzeug für Profis sein kann. Ich habe in diversen Foren hin und wieder gelesen, dass einige Fotografen dieses Feature intensiv nutzen.

Die Software-Bildstabilisierung habe ich ehrlich gesagt ignoriert. Ich hatte es weiter oben ja bereits erwähnt; eine Stabilisierung erfolgt nach meiner Ansicht entweder optisch / mechanisch oder gar nicht. Irgendwelchen Verrechnungen von mehreren Bildern misstraue ich grundsätzlich. Ein guter Ersatz für den Stabi waren bei mir leicht angehobene Belichtungszeiten und damit einhergehend moderat erhöhte ISO-Werte.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass die X-Vario einen Videomodus in FullHD (1080p) mit 30 Bildern pro Sekunde bietet. Es gibt einen separaten Start-Taster und für schnelle Filmchen zwischendurch kann das alles sicherlich recht praktisch sein. Ich denke jedoch, dass sich die Zielgruppe eher auf das Fotografieren beschränkt. Naja, damit die Marketing-Leute Ruhe geben, baut man es eben mit ein. Tut ja nicht weh...

 

18mm, F4.5, 1/640, ISO100

 

Zeit für ein Fazit

Jeder kennt das wohl; man liebt etwas, obwohl man es manchmal auf den Mond schießen könnte. Sei es das Motorrad, der Traum-Sportwagen, das Hobby oder die Ehefrau (auf die Kommentare bin ich jetzt schon gespannt). Obwohl nicht immer alles perfekt läuft, gibt es dann trotzdem diese Momente, die einen für alles entschädigen und die einem bestätigen: Du hast alles richtig gemacht.

Mit der X-Vario ging es mir so ähnlich. Manchmal runzelte ich etwas die Stirn, weil der Autofokus nicht gleich traf oder weil das Einschalten wieder so lange dauerte. Aber spätestens beim Anschauen der Bilder vor dem Monitor war das alles wieder vergessen. Man verzeiht dem Gerät einfach seine kleinen Eigenheiten, weil es genau dort, wo es darauf ankommt, perfekt abliefert. So ähnlich wie in einer guten Ehe. Nur reden wir hier über die Bildqualität. Aber ehe ich mich um Kopf und Kragen fabuliere (immerhin besteht die minimale Chance, dass meine Frau den Bericht bis hierhin gelesen hat), konzentrieren wir uns lieber wieder auf die Technik.

Ich hätte es ehrlich nie gedacht, zu welcher Qualität Optik und Sensor hier in der Lage sind (ich gelobe auch feierlich, mich nie wieder über APS-C lustig zu machem). Nicht nur die rein optischen Werte, auch Dynamik und Rauschverhalten stehen einer guten DSLR in nichts nach. Zudem kann die Kamera mit ihrem Zentralverschluss eine interessante Option für Profis oder Fortgeschrittene sein, die spezielle Blitz-Setups aufbauen möchten.

 

18mm, F4.5, 1/640, ISO100

 

Alle Kritik kann man im Grunde auf eine Sache herunterbrechen: den recht langsamen Autofokus, der sich in dunkler Umgebung nicht wirklich wohl fühlt. Doch wer damit umgehen kann (und will), erhält hier eine erstklassige Kamera ohne dafür 3 Kilogramm Technik und Glas umherschleppen zu müssen. Die X-Vario liebt meiner Meinung nach das Licht, sie möchte gern auf Reisen gehen und traumhaft schöne Landschaften erkunden. Sie will nicht mit Bokeh herumkünsteln, sondern die Welt so wiedergeben, wie sie eben ist. Brilliant, scharf und voller Farbe. Rein von der ISO-Performance her kann man sie auch problemlos in dunkler Umgebung nutzen, nur muss man dann dem Autofokus mitunter etwas nachhelfen. Egal wie, am Ende des Tages hat sie es immer geschafft, mich mit ihren Bildern zu verzaubern.

Kann die X-Vario auch eine Ergänzung für die Leica-M sein? Auf jeden Fall. Wenn man kein weiteres Kamera-System anschaffen möchte, ist ihr variables Zoom perfekt für alle Gelegenheiten, für die man als M-Fotograf vielleicht gerade nicht die passende Festbrennweite dabei hat. Dabei ist sie definitiv nicht nur eine Notlösung! Im Gegenteil, manchmal wird es schwer sein, zu entscheiden, aus welcher Kamera nun das bessere Foto kam. Als Fotograf kann man dabei nur gewinnen.

Wer sich nach diesem Bericht noch unschlüssig ist, möge sich einmal die Gebrauchtpreise auf Ebay anschauen. Made in Germany muss kein Vermögen kosten! Auch im DSLR-Forum oder bei den bekannten Leica-Händlern taucht hin und wieder mal ein gepflegtes Gebrauchtgerät auf.

 

Ein paar Worte zur eigenen Einstellung

Die X-Vario ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass man sich nicht immer auf Testberichte oder technische Einschätzungen verlassen kann. Sie ist ein kleines Juwel, das entdeckt werden will. Man muss sich selbst mit ihr befassen, einfach mal ein paar Bilder machen, im RAW-Konverter daran herumspielen, die Möglichkeiten erkunden.

Ich bin überzeugt, viele potentiellen Käufer haben sich durch diverse Reviews oder selbsternannte Forum-Experten abschrecken lassen. Besser wäre gewesen, die Kamera einmal selbst auszuprobieren. Denn bei dem, worauf es beim Fotografieren letztendlich ankommt - nämlich dem fertigen Bild - liefert sie gnadenlos ab. Nachdem ich mich eine Weile an sie gewöhnt hatte, benutzte ich sie mit der beruhigenden Gewissheit, mich jederzeit auf ihre Leistung verlassen zu können. Oft war ich mir schon vor dem Auslösen sicher: "Das Bild wird gut!". Der einzige Grund, weshalb ich sie nicht sofort eine als Ergänzung zu meinem M-System gekauft habe ist der, dass mich ihre Performance neugierig auf das T-System gemacht hat. Das möchte ich vorher auch noch ausprobieren. Schön, wie sich die Welt der Möglichkeiten erweitern kann, wenn man irgendwann auch mal über den Tellerrand schaut...  (Stichwort APS-C !)

Ich kann nur eindringlich an alle appellieren: selbst ausprobieren anstatt in Foren zu lesen. Mitunter kann so ein Gerät deutlich mehr, als es die Gesamtheit seiner technischen Daten auf den ersten Blick vermuten lässt.

 

46mm, F6.4, 1/250, ISO100

 


Kommentare

Andreas Korth(nicht registriert)
Hallo.
Kann ich voll und ganz bestätigen. Die Vario x hat mich zu den besten Aufnahmen meines fotolebens bisher gebracht . Ich würde sie nie wueder hergeben. Vg andreas
Cetus-A
Hallo SDBauer,

danke für Deinen Kommentar! Ja, die Bildqualität in Verbindung mit der Optik ist schon der Wahnsinn. Ich bin immer wieder begeistert, was Leica dort aus einem eher älteren 16-Megapixel-APS-C-Sensor herausholt!

LG
Jörg
SDBauer(nicht registriert)
Hallo, ich besitze seit ca. zwei Jahren eine X Vario, die ich als Hauptkamera neben einer X2 einsetze.
Meiner Ansicht nach ist das die beste Kompaktkamera mit zoom, die man noch erschwinglich kaufen kann bzw. konnte. Die Bildqualität ist über die Zweifel erhaben.
Vor den X-Kameras besaß ich eine recht umfangreiche Kleinbildausrüstung, die ich zugunsten der Vario verkaufte. Das habe ich nie bereut. Zusammen mit der Bereitschaftstasche, einem Ersatzakku und einer zusätzlichen SD-card in den Hosentaschen ist die Vario der ideale Reisebegleiter. Klein, schnell einsatzbereit, top Bildqualität.
Ich freue mich mit jedem Besitzer, der diese Kamera ebenfalls benutzt.
Vor einiger Zeit probierte ich mich am M-System, die Bildqualität ist natürlich ebenfalls absolut super. Leider komme ich aufgrund einer kleinen Sehschwäche am "Fotoauge" nicht mit dem Messsucher zurecht. Da bietet das Display der X Vario für mich bessere Möglichkeiten.
Viele Grüße!
Cetus-A
Hallo Herr Meier,

Zitat "Braucht man am Ende mehr, wenn die Ergebnisse gut werden?"

Dem ist im Grunde nichts hinzuzufügen. Ich bin aber trotzdem der Meinung, mit ein paar sanften Verbesserungen an den entscheidenden Stellen (z.B. Autofokus und Performance) hätte man aus einem sehr guten Produkt ein noch besseres machen können. Gerade weil die Kamera auch in meinen Augen "das gewisse Etwas" hat, hätte sie es verdient, in Form einer X-Vario 2 ff. am Leben gehalten zu werden.

Aber es ist wie es ist und ich denke, alle jetzigen Besitzer schätzen dieses Gerät und wissen um seine Vorteile sehr gut Bescheid. Ich sagte es ja; eine der meistunterschätzten Kameras...

LG
Jörg Lange
F. Meier(nicht registriert)
Danke für Ihre sehr schnelle und Entschuldigung für meine sehr späte Antwort.

Ich gebe Ihnen absolut recht, ein etwas sportlicherer Automobil wäre manchmal wünschenswert.
Meiner Meinung nach, stimmt mit der X-Vario irgendwas - etwas was bei anderen nicht stimmt.
Natürlich gibt es Kameras und Objektive die mit ihren Daten (und auch Leistungen) glänzen.
Die X-Vario vermag das auf dem ersten Blick nicht.
Kleine Anfangsblende, schwaches Zoom Objektiv und ab ISO 3200 geht ihr langsam die Luft aus.

Aber Butter bei die Fische, who cares?
Man nimmt sie gerne in die Hand, sie fühlt sich Wertigkeit an, sie funktioniert ohne Programmautomatiken...einfach nur Du, Kamera und Foto.

Braucht man am Ende mehr, wenn die Ergebnisse gut werden?
Keine Kommentare veröffentlicht.
Wird geladen...