Leica M-D - Digitale Rückkehr der analogen Zeit?

May 02, 2016  •  2 Kommentare

Am 30. April stellte Leica die neue M-D vor, eine weitere Reinkarnation der M 240 / M262, jedoch mit einem erheblichen Unterschied: die M-D hat kein Display.

Ein digitaler Fotoapparat ohne Display? In Leica-Kreisen ist dieses Konzept schon länger bekannt, denn man hatte mit dem Sondermodell Leica M Edition 60 schon mal eine Art "Versuchsballon" gestartet, allerdings nur in kleiner Stückzahl.

Über die technischen Parameter müssen wir uns nicht weiter auslassen, da die M-D, wie bereits erwähnt, eine Ableitung der M Typ 262 ist. Von ihr erbt sie im groben die Ausstattung, bis auf den einen feinen Unterschied: das fehlende Display.

Ich muss zugeben, als ich davon erstmals hörte, runzelte ich nur die Stirn und dachte mir: "So ein Quatsch, damit gebe ich ja einen wesentlichen Vorteil des digitalen Zeitalters einfach so ab!"
Für mich war das unvorstellbar, denn gerade bei der Leica-M-typischen manuellen Arbeitsweise war es mir immer wichtig, Kontrolle über das Ergebnis zu haben. So lernte ich das Fotografieren im Übrigen überhaupt erst richtig: in dem ich mit meiner ersten DSLR herumprobierte und über das Display ein direktes Feedback erhielt. In der analogen Zeit - die von der M-D ja wieder heraufbeschworen wird - fühlte ich mich dagegen immer ziemlich unwohl. Zu viel schätzen und vermuten, zu viel Warterei, zu wenig unmittelbare Kontrolle. 

Kein Thema also für mich, und doch ging mir die Kamera einfach nicht aus dem Kopf. Nach und nach wurde mir bewusst, was ein Weglassen des Displays noch so mit sich bringt. Denn damit allein ist es ja nicht getan. Ohne Display gibt es z.B. auch kein Einstellungsmenü! Geht das denn eigentlich?

Überlegen wir doch mal. Blende und Verschlusszeit stellt man direkt am Gehäuse ein. Den ISO-Wert steuert man, wie bei den klassischen analogen Geräten, mit einem Regler an der Rückseite (der den Platz des Displays einnimmt). Was sonst noch? Bildeinstellungen? Gibt es nicht, es wird immer im RAW fotografiert. Ein digitales Negativ - wie passend. Diverse Displayeinstellungen? Entfallen. Technische Spitzfindigkeiten wie Verschlusslautstärke, Belichtungsmessmethode, Benutzerprofile - kann man weglassen. Meistens stellt man den ganzen Kram bei der Inbetriebnahme genau einmal ein, dann rührt man diese Menüpunkte nie wieder an. Über die Notwendigkeit von technischen Spielereien habe ich mich ja bereits in meinem Bericht zur M240 ausgelassen. Hier erleben wir im Grunde die konsequente Fortsetzung dessen, was ich eigentlich immer für gut befunden habe.

Letztlich geht es nicht nur um das fehlende Display, es geht um das gesamte Konzept. So vieles ändert sich, fällt weg. Positiv formuliert: es wird einfacher. Wenn das Fotografieren einfacher wird, widmet man dann nicht automatisch dem eigentlichen Motiv mehr Konzentration?

Im Leica-Forum schrieb jemand, dass nun wenigstens die nervige Frage "Kann ich das Bild mal sehen?" ein Ende hat. Darüber musste ich schmunzeln, denn es ist wahr! Ich hasse es, meine unfertigen Bilder am Fotoapparat zeigen zu müssen. Für den finalen Betrachter sollte nur das Endprodukt relevant sein, das nach umfangreicher Arbeit mit Lightroom und Photoshop entsteht. Mir persönlich dient das Display nur noch der kurzen Nachkontrolle von Komposition, Schärfe und Belichtung. Mittlerweile liege ich meist richtig. Ist es von da an nicht nur noch ein kleiner Schritt, ein letzter Sprung ins kalte Wasser, auf das Display einfach ganz zu verzichten?

Seit längerer Zeit nutze ich ein Halfcase, welches bei Bedarf das hintere Display verdeckt. Diese Klappe öffne ich immer seltener, um mich vom Resultat zu überzeugen. Der Kontrollblick ist sozusagen nur noch eine Art reflexhafte Rückversicherung. Letztendlich geht es darum, endlich einmal zu lernen, sich selbst zu vertrauen, noch ein klein wenig zu wachsen.

Leica schreibt: "Die Rückkehr der Vorfreude". Ja, auch das kann ich nachvollziehen. Man ist gewohnt, immer alles sofort zu bekommen. Resultate, Feedback. Alles ist in unserer technologisierten Welt so schnell und unmittelbar geworden. Wir leben das, wir haben das verinnerlicht, es entspricht unserem Denken. Die Leica M-D fällt völlig heraus aus diesem Rahmen. Schon sind wir in der Psychologie angekommen, beim Thema Belohnungsaufschub (der schließlich umso größere Freude verheißt) und damit einhergehend den Themen Impulskontrolle oder Selbstdisziplin. Die M-D kann somit regelrecht zu einer "Erziehungsmaschine" werden, oder zu einem kleinen Urlaub von unseren liebgewonnenen Schwächen.

Am Ende möchte ich ein großes Geständnis machen: ich werde die M-D nicht nutzen. So interessant und spannend ich das Konzept auch finde, so sehr ich Menschen verstehen kann, die das begrüßen - für mich persönlich ist es nichts. Als ich mich mit der M-D beschäftigte, lernte ich über mich, dass ich ein Kontrollfreak bin. Ein Mensch, der vorsichtshalber immer das größere Ausstattungspaket nimmt. Man könnte es ja brauchen. Für jemanden wie mich ist die M-D ganz eindeutig nicht gedacht, selbst bei der M262 wird es da schon eng. Ich möchte unmittelbare Kontrolle über meine Arbeit, sei es bei Langzeitbelichtungen oder beim Festlegen des Bildausschnittes. Ich fühle mich unwohl ohne die Möglichkeit der Rückversicherung. Ich benutze gern mein 18mm - und dafür will ich nicht wieder den klobigen Frankenfinder rausholen müssen. Und ja, ich gebe es zu: ich mache von jedem Bild immer mehrere Varianten. Ich bin oft von der Angst getrieben, das entscheidende Bild im entscheidenden Moment zu verhauen.

Ich liebe Tradition und ich liebe Technologie. Beides vereint sich für mich in der M240 auf perfekte Art und Weise. Auf moderne Bequemlichkeiten wie Live-View kann und will ich nicht mehr verzichten. Man weiss nie, was kommt und was man brauchen wird. Diese Einstellung hat mich immer von der reizvollen Monochrom abgehalten, später von der M262 und nun von der M-D.

Aber hey, wie gut, dass Leica für wirklich jeden Verrückten das richtige Tool hat!

Quelle: Leica Camera AG (alle Bilder)

  


Kommentare

Cetus-A
Hallo Peter,

ja, so kann man es auch machen. :-) Ich nutze z.B. ein Halfcase mit Klappe hinten, wenn ich also will, mache ich aus meiner M240 auch eine M-D... Allerdings öffne ich die Klappe trotzdem immer wieder und gucke dahinter... Ich kann es nicht lassen.

LG
Jörg
Peter(nicht registriert)
Abkleben hätte auch gereicht ;))
Gruß Peter
Keine Kommentare veröffentlicht.
Wird geladen...