Abschied vom Messsucher

October 05, 2016  •  10 Kommentare

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Es ist gar nicht so einfach, diesen Artikel zu schreiben und dabei den korrekten Ton zu treffen. Schließlich ist niemand gestorben. Andererseits ist es nie einfach, eine Sache aufzugeben, die man mit so viel Herzblut betrieben hat. In meinem Falle betrifft es im Allgemeinen das M-System und im Speziellen den Messsucher, dem ich nun nach einigen Jahren den Rücken kehren muss. Meine treuen Leser werden es kaum glauben, einigen habe ich ja den M-Virus erst in den Kopf gepflanzt.

Nicht zuletzt deswegen fühle ich mich verpflichtet, meine Beweggründe darzulegen und damit auch meine Glaubwürdigkeit zu wahren. Wenn man einen Blog führt und (auch ohne kommerziellen Hintergrund) Produkte empfiehlt, hat man eine Verantwortung, insbesondere gegenüber all jenen, die man vielleicht zum Kaufen animiert hat (und das sind in meinem Fall nicht wenige, wie ich aus zahlreichen privaten Mails und Kommentaren entnehmen konnte).

 

Ein Abschied

Zunächst muss ich sagen, dass ich nicht Leica den Rücken kehre, sondern nur dem M-System. Eigentlich nur dem Messsucher, aber der ist nunmal untrennbar mit dem M-System verbunden. Das hat einige Gründe, die sich in ungünstiger Weise miteinander verbinden. Der wichtigste und hauptsächlichste Grund ist schlicht und ergreifend medizinischer Natur und betrifft meine Augen und mein Sehen. Was im wahren Leben eigentlich kein Problem ist, führt bei meiner M im Endeffekt dazu, dass ich mit dem Fokussieren immer langsamer und unsicherer werde und viel mehr Ausschuss produziere. Da ich jedoch ein Perfektionist bin und mir das Problem lange nicht eingestanden habe, nutzte ich das Gerät zuletzt immer weniger. Wenn ich es denn nutzte, vermied ich alle Motive, die schwer zu fokussieren waren und darüber verliert man natürlich über kurz oder lang die Freude an der Sache.

 

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Die letzten Aufnahmen mit der M stammen ausschließlich von meiner 10jährigen Tochter Maya. Die M ist ideal, um Fotografieren zu lernen.

 

Nun könnte man sagen; nutze doch den EVF an der M240, schließlich gibt es Fokus-Peaking. Oder schließe eben die Blende und nutze Zonen-Fokus.

Nein. Da bin ich zickig. Eine M ist für mich Messsucher und nicht irgendein fauler Kompromiss. Ich will beim Summilux mit Offenblende arbeiten können, durch den Messsucher schauen und ihn auch benutzen. Der Aufstecksucher von Leica ist für mich sehr hilfreich, aber definitiv keine Standard- oder Dauerlösung. Ein in den optischen Sucher einspiegelbarer EVF vom Schlage einer Leica SL mit elektronischem, vergrößerten Schnittbild könnte hingegen meine Rettung sein. Das gibt es aber leider nicht. Alles andere macht keinen Spaß. Zonen-Fokus oder dauerhaft Blende 8... da kann ich auch das iPhone nehmen. Das kommt für mich nicht in Frage.


Leica M mit EVF... hin und wieder praktisch aber um Himmels Willen keine Dauerlösung...

 

Wer meinen Blog verfolgt, weiss, dass ich im letzten Jahr unheimlich viel Zeit in meine virtuelle Galerie investiert habe (die jetzt übrigens fertig ist). Aus diesem und anderen Gründen musste die Fotografie immer mehr hintenanstehen. Die wenige Zeit, die mir blieb, investierte ich hauptsächlich in spezielle Dinge wie z.B. den X-Vario-Test. Vielleicht drückte ich mich auf Grund meines Messsucher-Problemes auch ein wenig um die Benutzung meiner M herum... Jedenfalls stellte ich irgendwann fest, dass das gute Stück nur noch in der Vitrine stand. Das tat mir einerseits in der Seele weh, andererseits führte es mich unweigerlich zum nächsten Problem...

...kann und will ich es mir leisten, die Leica aus purer Nostalgie zu behalten, ohne sie sinnvoll und angemessen nutzen zu können? Sollte ich nicht lieber ehrlich zu mir selbst sein und auf ein anderes Gerät mit Autofokus ausweichen, anstatt gar nicht mehr oder nur noch eingeschränkt zu fotografieren?

 

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Ungewöhnlich... die Perspektive einer 10jährigen.

 

Alternativen?

Leichter gesagt als getan. Man nenne mir ein einziges Vollformat-Objektiv mit Blende 1.4 und Autofokus, das nicht riesengroß ist. Denn auf eine Sache möchte ich nicht verzichten: die Handlichkeit der M-Ausrüstung. Schließlich war das damals einer der Hauptgründe, warum ich sie mir überhaupt angeschafft habe.

Ich bin also wieder auf der Suche, sozusagen solo. Die Kamera-Partnervermittlung hat mir bisher ja bereits einige Geräte vorgeschlagen, aber wie das immer so ist. Keine kann der Verblichenen das Wasser reichen...

Die Leica SL ist und bleibt für mich keine Option. Ich habe mir einst geschworen, nie wieder mit 20-Kilo-Foto-Rucksäcken durch die Gegend zu laufen; und dabei bleibt es auch. Da bin ich eisern. Rückenschmerzen will ich nicht auch noch haben.

Geballte Profi-Qualität und beste Bilder... für mich als Freizeitfotograf jedoch viel zu schwer und unhandlich

 

X-Vario und Q hingegen sind zwar klein und leicht, bieten mir jedoch keine Wechselobjektive. Ich liebe es aber, je nach Stimmung verschiedene Brennweiten zu nutzen. Auch mal 18mm. Oder 90mm. Und ich möchte auf gar keinen Fall auf 50mm mit F1.4 verzichten.

Wenn es denn unbedingt Vollformat sein soll, bliebe  in der Gewichtsklasse der Leica-M nur noch die Sony A7-Serie übrig. Schöne Kameras, tolle Bilder, Vollformat. Klein und handlich, oder? Nicht wirklich. Mal davon abgesehen, dass ich die Sony's rein gefühlsmäßig als total uninspiriert empfunden habe (kein Fotoapparat sondern ein Mini-Computer) gilt auch hier: die Physik lässt sich nicht austricksen. Möchte man nämlich an diesem System die Kombi aus ultimativer Lichtstärke und Autofokus, sind die Objektive plötzlich wieder genauso groß und schwer wie die der DSLR-Kollegen. Da ist es dann auch wurscht, ob der Body 300 Gramm weniger wiegt.


Mogelpackung? Sobald Zoom, Lichtstärke, Stabi etc dazukommen, ist es vorbei mit "klein" und "leicht"...

 

Ich möchte Sony dafür nicht in die Pfanne hauen, denn schließlich ist das in erster Linie Physik und kein böser Wille. Und gerade Sony (Zeiss) zeigt auch, wie es anders geht... dazu komme ich gleich noch.

Meine größte Hoffnung liegt derzeit somit auf dem hypothetischen Nachfolger der Leica T (Leica TL), der ja jetzt irgendwann mal kommen sollte. Mittlerweile habe ich mich sogar damit abgefunden, wieder auf APS-C umsteigen zu müssen. Doch selbst bei der Leica T erreichen die Objektive schon wieder eine beachtliche Größe. Wirklich in Frage kämen für mich nur das 2.0/23mm (in Kleinbild auch nur ein 3.0/35mm) und das 1.4/35mm (in Kleinbild 2.0/50mm). Ich könnte natürlich meine Leica-M-Optiken mit Adapter weiter nutzen. Abseits des Messsuchers ist das manuelle Fokussieren allerdings immer ein wenig krampfig und langsam. Aber gut, das gilt es auszuprobieren und eine große Wahl bleibt mir ja nicht.

 

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Bild mit Seltenheitswert, meine Tochter fotografiert ihren Vaddern mit dem Summilux...

 

Tradition vs Innovation - oder - wenn ich Leica wäre...

Ich bin ganz ehrlich: manchmal wünschte ich, Leica wäre mit seiner M ein klein wenig radikaler gewesen und hätte die Brücken zur modernen Zeit etwas breiter gebaut. Was ich damit konkret sagen will? Wie die meisten Leica-Nutzer werfe ich hin und wieder mal ein Auge auf Fuji und dort kann man anhand der X-Pro-Serie recht gut sehen, wie man einen zumindest elektronischen Messsucher mit Autofokus gut verbinden kann. Was hätte Leica nun meiner Meinung nach für die M tun können?

 

1. Möglichkeit zur optionalen Einblendung eines elektronischen Sucherbildes in das Sucherfenster (analog Fuji)

Diese Maßnahme würde das Handling in verschiedenen Situationen erheblich verbessern (z.B. mit Tele- oder Weitwinkel-Objektiven) und die Notwendigkeit für einen externen Viewfinder aufheben. Leica hat bei der Q und SL eindrucksvoll gezeigt, wozu sie in Sachen EVF in der Lage sind! Solch eine Entwicklung würde außerdem den Weg zu Punkt 2 ebnen...
 


Auswahlmöglichkeit zwischen elektronischem und optischem Sucher bei Fuji X-Pro2

 

2. Wegfall des mechanischen Messsuchers und Implementierung eines elektronischen Schnittbildes

Der unweigerliche Aufschrei in der M-Gemeinde hätte sich recht schnell gelegt denn im Klartext würde das bedeuten:

  • bessere Unterstützung beim Fokussieren möglich (z.B. unterschiedliche Zoomstufen)
  • freie Positionierbarkeit des elektronischen Fokus-Patches
  • kein Problem mehr mit Fokus-Shift bei einigen Objektiven
  • kein Problem mehr mit Dejustierungen (z.B. durch anstoßen) und dem ganzen darauffolgenden Service-Brimborium
  • massive Einsparungen für Leica und dadurch mehr Gewinn (oder ein günstigerer Preis?)
  • vereinfachte Fertigung

Ich habe den Fuji-Sucher getestet und muss sagen, dass ich mit dem großen, elektronisch simulierten Schnittbild im EVF der X-Pro2 vergleichsweise gut klarkomme. Hätte die M so etwas, wäre mir enorm geholfen (und wahrscheinlich nicht nur mir). Trotzdem würde ich an Leica's Stelle sogar noch weiter gehen...
 


Elektronischer Messsucher mit digitalem Schnittbild bei der Fuji X-Pro2
 

 

3. Einführung von Autofokus-Objektiven mit M-Anschluss

Das wäre sicherlich die radikalste Neuerung - aber warum nicht? Vorhin habe ich ein wenig über Sony / Zeiss hinsichtlich der Größe ihrer Optiken hergezogen, doch es gibt auch Gegenbeispiele. Mit dem fabelhaften 35mm F2.8 zeigt Sony / Zeiss deutlich, dass sich Bildqualität, geringe Größe und Autofokus nicht gegenseitig ausschließen müssen. So könnten potentielle M-Autofokus-Optiken doch durchaus mit einer geringeren Lichtstärke auf Summarit-Niveau aufwarten, dadurch jedoch den praktischen, kleinen Leica-Formfaktor annähernd beibehalten! Das M-Bajonett um einige kleine Kontakte zu ergänzen, die nur die M-AF-Objektive zur Kommunikation nutzen sollte kein Problem sein und die Abwärtskompatibilität wäre damit auf jeden Fall gegeben. Sinnvoll wären hier vielleicht ein Summarit-M-AF 2.8/35mm, ein Summarit-M-AF 2.8/50mm und ein Summarit-M-AF 2.8/90mm.


Beispiel für ein kleines aber feines Objektiv mit Autofokus: Zeiss 2.8/35mm für E-Mount Vollformat
 

So gäbe es für den Autofokus die etwas lichtschwächeren, aber trotzdem kleinen Objektive. Wer die Summiluxe will, nutzt hingegen das elektronische Schnittbild oder den fantastischen, aus der SL entliehenen zuschaltbaren EVF.

 

4. All diese Features implementieren, ohne es kompliziert zu machen

Das kann nur Leica und damit würden sie den für mich größten Kritikpunkt an den Fujis ausmerzen: die überbordenden Menüs und die typisch fernöstliche Featuritis. Ich denke, solch ein Gerät wäre der Knaller und würde ganz neue Käuferschichten erschließen, gern auch mit einigen Anleihen von der T, z.B. dem Touchscreen. Oder mit dem praktischen Joystick der SL, zum anwählen des aktiven Fokus-Feldes.

Und die Puristen? Für die kann es doch weiterhin gern die fantastische M262 oder M-D geben - in ihrer gesamten mechanischen Perfektion und Präzision.

Ich finde es schade, dass Leica hier offenkundig doch zu konservativ ist, um die erfolgreich besetzte M-Nische ein wenig zu erweitern. Vielleicht wäre eine solche Entwicklung langfristig auch sinnvoller als die Investitionen in X-Vario und T gewesen (wobei dieser Vorwurf ungerecht ist. Wer hat schon eine Glaskugel?)

 

Und nun?

Die Photokina war hinsichtlich meiner Sehnsüchte ja leider der komplette Reinfall, aber das Leben ist halt kein Wunschkonzert. So heißt es nun warten.

Dieser Blog wird selbstverständlich ganz normal weitergeführt. Es gibt viele interessante Dinge, die man testen kann. Natürlich bleibe ich ein Fan der Leica-M-Serie. Schließlich muss man eine Sache nicht besitzen, um sie zu lieben. Die Erfahrungen, die ich mit dem M-System gesammelt habe, kann mir keiner nehmen, genausowenig wie die schönen Erinnerungen und Bilder, die ich damit verbinde.

So, nun klingt es doch noch ein wenig nach Beerdigung...

All jenen, die auch teilweise durch meine Schuld zum M-System gekommen sind, sage ich: genießt die Zeit mit Eurer M, genießt den Messsucher und falls wir uns mal irgendwo treffen, möchte ich Eure Kamera gern mal in die Hand nehmen und damit ein Foto machen (aber nur mit Blende 8 und Entfernung unendlich). Und wenn es geht, würde ich trotzdem gern ein Mitglied der inoffiziellen, weltweiten M-Community bleiben...

 

PS: die Bilder zu diesem Artikel stammen alle von meiner 10jährigen Tochter Maya, die die M in letzter Zeit häufig nutzte um in das Thema "Fotografie" reinzuschnuppern. Es gibt kein besseres Gerät, um die fotografischen Zusammenhänge einfach und nachvollziehbar zu erklären und auch selbst zu erkunden.

 

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Das war es... das allerletzte M-Bild. Von meiner Tochter Maya (auf ihrer endlosen Suche nach ungewöhnlichen Motiven)


Kommentare

10.Cetus-A
Ja, super Weißabgleich und super Bilder out of the box, ich sag nur Acros... sicherlich wird so aus der X-Pro2 oder X-T2 keine M Monochrom, aber es fühlt sich trotzdem irgendwie ein bissel so an und die Ergebnisse sind beachtlich.
9.Mark(nicht registriert)
Hallo Jörg,

achso, dann brauche ich ja gar nicht mehr weiter über Dein 18er nachdenken. ;)

Was mir bei den Fuji recht gut gefällt, dass man notfalls oder vor allem in Verbindung mit den Picturesyles auch sehr gute Ergebnisse mit JPEG hinbekommt.

Liebe Grüße Mark
8.Cetus-A
Hallo Mark,

ja, das 18er ist wirklich ein schönes Objektiv (gewesen - zwischenzeitlich hat es einen neuen Besitzer). Viele meiner Lieblingsbilder sind damit entstanden und einige davon hängen sogar gerahmt an der Wand - also ich kann das Teil wirklich nur uneingeschränkt empfehlen.

Du hast übrigens Recht, Fuji kristallisiert sich auch bei mir zunehmend als einzige Alternative heraus, schon wegen des Bedienkonzeptes mit Blendenring und Belichtungszeitenrad...

LG
Jörg
7.Mark(nicht registriert)
Hallo Jörg,

das finde ich aber sehr schade, dass Du nicht mehr mit der M fotografierst. Leider ist Dein Blog nicht mehr bei mir im RSS, sodass ich es jetzt lesen konnte. Ich bin im Prinzip über Dein 18mm im DSLR-Froum wieder auf Deine Seite gekommen ;)

Ich kann aber die Gründe nachvollziehen. Schließlich soll das Fotografieren ja Spass bringen und nicht in Stress ausarten.

Ich hoffe, dass Du das richtige System finden wirst (sofern noch nicht geschehen, ich muss hier ja noch etwas nachlesen).

Das Fuji-System finde ich auch recht interessant, weil es gerade noch eben kompakt ist, was bei der (emotionslosen) Sony bei den Linsen nicht mehr ist.

Ich selber muss sagen, nachdem ich endlich mal durchgehalten und mich gegen G-A-S wehren konnte, dass ich mit meiner 262 und 246 sehr zufrieden bin und ich mich komplett eingelassen habe. Ich hatte zwar testweise mal die eine oder andere Kamera im Hause, aber richtig Spass macht mir in Moment die M.

Bis demnächst.

Liebe Grüße Mark

PS: über Dein 18er denke ich gerade verstärkt nach ;)
6.Cetus-A
Hallo Helmut,

es ist zumindest ein Trost für mich, wenn ich weiß, dass meine mit viel Herzblut ersparte und erworbene Leica-Technik einen netten neuen Besitzer gefunden hat (wie in Deinem Fall das Summarit). Um zu wissen, dass das Objektiv bei Dir in besten Händen ist, brauche ich mir nur Deine Bilder anzuschauen.

Ich werde mal sehen, wie die "Jagd" nach einem neuen "Spielzeug" so ausgeht. Der eine Name, der unter allen Leica-Fans immer wieder auftaucht, ist ja wirklich Fuji. Ich habe noch keinen kennengelernt, der mir die X-Serie noch nicht empfohlen hätte... mal schauen!

Beste Grüße
Jörg
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