Leica Q - Kompaktkamera der Superlative

December 18, 2015  •  28 Kommentare

 

 

Die Marke Leica definierte sich früher vor allem durch das M-System und profitierte enorm von einer wirklich institutionellen Vergangenheit. In neuerer Zeit knüpften nach längerer Durststrecke die M9, S und die M (Typ240) an alte Erfolge an, schrieben die Legende weiter und sicherten Leica den erfolgreichen Fortbestand in einer kleinen aber feinen Nische. Neuerdings hat man jedoch das Gefühl, Leica will raus aus dieser Nische. Während das M-System eher für die Vergangenheit steht, will man nun nach vorn schreiten, neue Käufer finden und zeigen: wir haben es noch drauf! Wir können Innovation! Wir leben nicht nur von unserer Vergangenheit, sondern wir gestalten die Zukunft mit mutigen und wegweisenden Geräten. Wir wollen nicht nur Teil des Marktes sein, wir wollen ihn in technologischer und qualitativer Hinsicht anführen. Die beiden jüngsten Geräte, die Q und die SL, präsentieren diesen Anspruch selbstbewußt, stehen zu Recht im Rampenlicht und werden international sehr positiv wahrgenommen.

In diesem Bericht möchte ich mich der Leica Q widmen und herausfinden, ob der Hype gerechtfertigt ist.

 

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1/60 bei F1.7, ISO2500

 

Eine lange Vorgeschichte...

Obwohl ich die M von Herzen liebe, habe ich hin und wieder auch auf andere Geräte geschielt. Der hauptsächliche Grund dafür war das Thema Autofokus. Warum? Ich werde älter und merke gelegentlich, dass ich mit dem schnellen Fokussieren bei meiner M etwas hinterherhinke, wenn es um die Wurst geht (und es geht öfter um die Wurst, als man denkt).

Oft entstehen die schönsten Portraits, wenn die fotografierte Person nicht schnell genug realisiert, dass sie abgelichtet wird. Besonders bei Kindern ist das wichtig, denn zu schnell wechselt der Gesichtsausdruck von natürlich zu künstlich. In meiner bisherigen Zeit mit der M hatte ich einige Momente, in denen mir Bilder wegen des manuellen Scharfstellens durch die Lappen gingen, oder anders gesagt: der sprichwörtliche Moment einfach zu kurz für mein Geschick mit dem Messsucher war.

 

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1/80 bei F11, ISO100

 

Zweitens (Hand aufs Herz): obwohl ich mein M-System liebe, habe ich nicht immer Lust, auf jedem Spaziergang ein fotografisches Gesamtkunstwerk zu schaffen. Manchmal möchte ich auch unverkrampft ein paar schöne Momente festhalten (die nur für mich relevant sind) und nicht immer toleriert meine jeweilige Begleitung selbst die wenigen Sekunden, die es braucht, um die M dafür einzustellen. Ja, ich kenne sie, diese Blicke meiner Frau und Tochter ("Jetzt fotografiert der schon wieder stundenlang", "Wie lange brauchst Du denn noch" , "Musst Du die Kamera schon wieder mitnehmen"). Ich habe sogar Verständnis dafür, denn in meiner Kindheit habe ich meinen armen fotografierenden Vater entsprechend mit Blicken bedacht und nun erhalte ich, wie mir scheint, dafür die ausgleichende Strafe.

In solchen Augenblicken habe ich mir immer eine Point&Shoot gewünscht, konnte mich jedoch nie entschließen, eine zu kaufen. Kein Wunder, denn wenn man die Qualität moderner Vollformat-Kameras gewöhnt ist, möchte man nicht so recht an die kleinen Knipsen ran. Ich kenne den Kameramarkt sehr genau und weiss, was es alles gibt, aber ich habe da so einen bösen kleinen Snob in mir, der immer aufmuckt, wenn ich mir APS-C oder MFT-Kameras anschaue. Mit Vernunft lässt sich das nicht erklären, eher ist es der Rubrik "selbstgewähltes Leid" zuzuordnen. Ein regelrechter Krieg zwischen Gut und Böse entbrannte beispielsweise in meinem Kopf, als die Fuji X-Pro1 vor kurzem so massiv im Preis nach unten ging. Diese Kamera hatte mich schon immer fasziniert und als kleine Autofokus-Ergänzung zur M...? Durchaus eine Überlegung wert!

 
 

1/60 bei F11, ISO800

 

So mancher wird mich nun fragen: Warum keine Leica X als Zweitgerät? Nun, grundsätzlich fand ich die X-Reihe immer sehr reizvoll. Für mich persönlich fehlte den Geräten X1 und X2 jedoch so ein wenig das ultimative Sahnehäubchen. Die aktuellste X (Typ 103) schien zunächst alles richtig zu machen. Design und Haptik waren nahe der M angesiedelt und vor allem brachte man endlich ein richtig lichtstarkes Objektiv (F1.7) ins Spiel.

Doch leider gab es auch hier wieder gewisse Einschränkungen, denn die Offenblende ließ sich nicht unbegrenzt einsetzen. Je näher man am Motiv ist, desto mehr schließt die Kamera die Blende selbstständig bis hin zu F2.8, was natürlich ein gewisses Freistellpotential nimmt. Auch hier galt also wieder: tolles Gerät, aber für mich elenden Perfektionisten wieder eine Kleinigkeit zum Meckern.

Gleiches Dilemma, andere Kamera: die X-Vario. Eigentlich eine sehr interessante, kleine Kamera mit schickem Design, fehlte es letztendlich an Lichtstärke. Das verbaute Vario-Objektiv lieferte zwar insgesamt eine sehr gute Qualität ab, bot aber nur F3.5 - F6.4. In dieser Preisklasse sorgte das für viel Unmut. Entsprechend niedrig pendelten sich auch bald die Gebrauchtpreise ein und in mir begann es zu nagen... Bei Straßenpreisen um 1.200 EUR - sollte man da nicht... ?? Doch plötzlich betrat das T-System die Bühne.

Das T-System präsentierte sich als ein modernes und wegweisendes Wechselsystem mit - für Leica-Verhältnisse - durchaus ambitionierten Preis (im Sinne von "günstig"). Das an Smartphone-Bedienung angelehnte Konzept fand ich persönlich interessant und ich könnte mir gewisse Anleihen daraus auch für den potentiellen Nachfolger der Leica M (Typ240) vorstellen, allerdings mochte ich nicht ganz auf meine haptischen Bedienelemente verzichten. Größtes Manko für mich: auch hier wurde aus Platz- und Kostengründen wieder nur ein APS-C-Sensor verbaut.

Eine Weile schwankte ich nun zwischen T, X-Vario und der Fuji X-Pro1 umher, doch dann kam sie...

 

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1/400 bei F11, ISO100

 

Die Neue ist da

Als ich die ersten Spezifikationen für die neue Q las, dachte ich mir: wow, voll auf den Punkt getroffen! Die Features kamen wie Paukenschläge: 28mm Summilux, superschneller Autofokus, extrem hochauflösender Sucher, Vollformat, Made in Germany. Im Bedienkonzept eine Mischung aus T und M, mit Touchscreen. Beim Preis zuckte ich kurz zusammen doch andererseits: orientiert am M-System sind hier Kamera UND Objektiv zusammen günstiger als ein 28mm Summilux-M allein!

Da ich auf der Suche nach dem perfekten Zweitgerät für die M bin, frage ich mich natürlich: ist sie es? Das ersehnte Zweitgerät ohne Kompromisse? Die fixe Brennweite stört mich nicht, denn ein weiteres Wechselsystem will ich mir nicht aufbauen. Ist die Q also das Gerät,  dass sich viele M-Nutzer insgeheim immer als Ergänzung gewünscht hatten?

Ich denke: Ja, sie ist es. Die perfekte Synthese aus Point-and-shoot und Profi-Vollformat, vermischt mit Leica-Tugenden wie Qualität und einfacher Bedienung. Ich hatte das Vergnügen, sie 14 Tage zu testen und nun - endlich - ist meine Vorrede vorbei und ich komme zum Punkt.

 

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1/60 bei F8.0, ISO125

 

Unboxing

Eigentlich war der Test für den goldenen Herbst geplant, in dem ich noch einige Urlaubstage zur Verfügung hatte. Meistens kommt es anders als man denkt und so wurde es dann November / Dezember, zwei Wochen mit wenig Freizeit, wenig Licht und nahezu Dauerregen. Als ich mich darüber ärgerte, deklarierte mich meine Frau zum "Schönwetter-Fotografen" und das konnte ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen. Also dachte ich mir, Kameratests mit schönen Motiven bei malerischer Natur und blauem Himmel? Das kann ja jeder. Wäre es nicht auch interessant zu sehen, wie sich die Kamera unter realistischen Bedingungen mit wenig Licht verhält? Nun, ganz so schlimm ist es nicht geworden, an einem Wochende kam auch mal die Sonne raus. Aber die Arbeitsweise war schon eine andere als üblich; wenn ich die Kamera nämlich bis zu einem halben Jahr teste und probiere, bevor ich genug Bildmaterial und Gedanken für ein Review im Kopf habe. Ich merke, ich schweife schon wieder ab.

Eines Tages war sie jedenfalls da, die Q. Schon das Auspacken ist bei Leica immer ein Erlebnis und so war es auch diesmal wieder amüsant, den kleinen "Setzkasten" zu öffnen, in welchem das Gerät mit Zubehör arrangiert ist. Ladegerät, Kabel und Handbuch haben ihre eigenen kleinen, magnetisch zu schließenden Schubfächer, während die Kamera selbst dekorativ in der obersten Etage des Puppenhauses in einer speziellen Verpackung auf den neuen Besitzer wartet. Ich kenne das bereits von der M, aber meine 9-jährige Tochter war restlos begeistert. Sie versuchte mehrfach, mir die Kiste abzuluchsen um sie als Schrank für ihre Barbies zu verwenden. Scheinbar könnte Leica die leeren Kameraverpackungen auch problemlos unter der Rubrik "Spielwaren" anbieten.

 

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1/160 bei F8.0, ISO100

 

Mal davon abgesehen, eine hochwertige Verpackung ist meiner Meinung nach für solch ein Produkt natürlich angemessen und Leica macht das genau richtig, bis hin zur - für heutige Zeiten - ausführlichen und in verständlichem Deutsch formulierten Bedienungsanleitung. Auch das ist keine Selbstverständlichkeit. Ich erinnere mich noch an meine DDR-Kindheit, wo jedem technischen Gerät ein ordentlich gebundenes Handbuch beigefügt war, das einem thematischen Almanach gleichkam. Da gehörte es dann mit dazu, sich genüsslich in die Lektüre zu vertiefen - sozusagen als Teil des "Unboxings".

Den verpackungstechnischen Tiefpunkt erreichte für mich Sony, sowohl mit der A7r als auch mit den zugehörigen Zeiss-Optiken, die allesamt in hässlichen Pappkartons daherkamen, im Aldi-Style verpackt, dazu ein lächerliches Faltblatt oder Mini-Booklet in 40 Sprachen. Das dürre Manual zur A7r war eine Beleidigung und Angesichts der Komplexität des Gerätes eine Zumutung obendrauf. Ich habe das damals in meiner Review auch bereits missbilligend erwähnt. Manchmal fragt man sich, welchen Stellenwert der Kunde für einige Firmen eigentlich einnimmt.

 

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1/160 bei F8.0, ISO100

 

Design und Handling Teil I

Bei Leica-Geräten ist mir das Design wichtig, wobei ich "Design" stets als Einheit von Gestaltung, Funktionalität und Haptik empfinde. Die Q steht hier der M in Nichts nach. Grundsätzlich sind "Anfassgefühl" und Menüführung sehr ähnlich, was einerseits den Neubesitzer erfreut und andererseits den Leica-M-Veteran keinem Kulturschock aussetzt.

Das Gehäuse ist von enormer Wertigkeit, die Bedienelemente sind mechanisch perfekt umgesetzt. Natürlich ist die Q ein richtiger Fotoapparat. Alles ist dort, wo es eigentlich hingehört. Die Blende stellt man am Objektiv mit dem Blendenring ein, die Verschlusszeit mit dem klassischen Zeitenwahlrad. Somit kann man auch diese Leica nach einer kleinen Weile eigentlich blind bedienen.

 

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1/100 bei F8.0, ISO100

 

Vergleicht man die Q mit der M, fällt auf, dass die Q das Design zwar unverwechselbar fortführt, trotzdem jedoch die Brücke in die Zukunft schlägt. Sie wirkt schlanker, moderner und irgendwie technischer.

Die Elektronik arbeitet sehr schnell und das Gerät lässt sich - nicht zuletzt auch wegen der klassischen Anordnung der Bedienelemente - effizient und flüssig bedienen. Die wenigen Tasten haben einen guten Druckpunkt, alles ist logisch angeordnet und Fehlbedienung dürfte hier kaum möglich sein. Das Menü ist trotz des Funktionsumfanges erfreulich kurz und verständlich. Kryptische Abkürzungen, mit denen keiner etwas anfangen kann, gibt es erfreulicherweise nicht.

 

 

Bei der Bedienung bietet Leica für mich klar die beste Gesamtlösung. Entweder ich stelle das Zeitenwahlrad auf eine Zeit oder eben auf A (wie Automat). Das gleiche gilt für Fokus und Blendenring. Setze ich alle drei Elemente auf A, habe ich den Vollautomaten. Niemand wird mir jemals erklären können, warum man einstmals von diesem Konzept abgefallen ist. Stattdessen erfand man P-A-S-M-Wahlräder, die bei jedem Hersteller leicht unterschiedlich beschriftet sind und nur von denen verstanden werden, die die englischen Fachbegriffe wie "aperture" oder "shutter" kennen. Versetze ich mich in meine blutige Anfängerzeit zurück, wäre mir das grundlegende Verständnis bei einer Bedienung im klassischen Leica-Style leichter gefallen, weil ich da genau sehe, welches Element ich wie nutze. Das Verstehen der Zusammenhänge ist die Grundlage für ordentliche Fotografie. Die meisten modernen Kameras jedoch versuchen wirklich alles, um dem "dummen" Kunden zu viel Einsicht zu ersparen. Damit die Geräte trotzdem irgendwie zugänglicher wirken, erfand ein ganz schlauer Marketingmensch irgendwann Motivprogramme. So etwas sucht man bei Leica glücklicherweise vergebens...

...dachte ich, bis ich einen Kulturschock erlebte und im Menü über genau solche Motivprogramme stolperte. Schockschwerenot. Und angesichts der Bedienbarkeit des Gerätes und der anvisierten Nutzergruppe auch so sinnlos. Bei Leica muss man wohl insgeheim ähnlich gedacht haben denn glücklicherweise wurde diese Funktion nur im Menü "versteckt" und fand keinen Weg auf die Außenseite der Kamera. Womöglich in Form eines Moduswahlrades. Ich mag es mir gar nicht vorstellen.

 

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1/800 bei F1.7, ISO100 - Ein Hauch von Bokeh trotz 28mm

 

Leica hat außer den Motivprogrammen noch weitere moderne Gimmicks integriert, über die man geteilter Meinung sein könnte. Als eingeschränkt sinnvoll empfinde ich die Panoramafunktion. Die kann man sicherlich mal nutzen, der mehr professionell agierende Fotograf (Zielgruppe!) wird aber dennoch eher Stativ und Photoshop dafür nehmen. Als sinnvoll erachte ich hingegen die Timelapse-Funktion, die die automatisierte Aufnahme einer Fotoserie über einen langen Zeitraum ermöglicht. Das eigentliche Erstellen des Filmes aus diesen Bildern muss dann individuell am Computer erfolgen, was in meinen Augen auch genau richtig ist.

Über das Gimmick "Miniatureffekt" möchte ich hingegen den Mantel des barmherzigen Schweigens decken.

Einen kleinen Pferdefuß habe ich beim Zeitenwahlrad der Q gefunden: man kann die Zeiten mit diesem haptisch perfekten Stück Feinmechanik nämlich nur in ganzen Schritten einstellen (30, 60, 125, 250 etc.). Benötigt man Zwischenschritte, muss man das hintere Daumenrad (normalerweise Belichtungskorrektur) nutzen. Man dreht also erst das Verschlusszeitenrad auf die Verschlusszeit, danach das Daumenrad bei Bedarf auf den Zwischenwert. Ich halte das für verwirrend, im Grunde weicht Leica hier ein wenig vom ansonsten vorbildlich schlüssigen Bedienkonzept ab.

Und weil wir gerade so schön am Meckern sind; ein paar Kleinigkeiten, die ich gern ansprechen würde, gibt es dann doch.

Zum Beispiel möchte ich gern nur im RAW fotografieren, Leica lässt mich aber nicht. Ich kann nur RAW und JPG auswählen, was mir aber außer erhöhtem Platzverbrauch auf der SD-Karte nichts bringt, denn ich brauche die JPG-Bilder einfach nicht. Vielleicht kann hier im Rahmen eines Firmware-Updates eine entsprechende Option hinzugefügt werden. Ergänzung: mit aktueller Firmware kann nun auch RAW oder JPG ausgewählt werden.

Zweitens: beim Einstellen einer Belichtungsreihe sind nur maximal 3 Bilder auswählbar. Hier wäre es schön, wenn man (wie bei der M) mehr Optionen hätte.

Drittens: die maximal mögliche Blende von F1.7 verringert sich im Nahbereich auf F2.8. Eventuell manuell vorgenommene Einstellungen werden dabei überstimmt.

 

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1/60 bei F1.7, ISO1000

 

Unterwegs und Handling Teil II

Schnappen wir uns also die Q und gehen wir damit raus. Zunächst fällt auf, dass der mitgelieferte Kameragurt sehr kurz ist, die Q baumelt fröhlich vorm Bauch hin und her. Wäre das meine Kamera, wäre meine erste Amthandlung der Kauf eines längeren Gurtes, denn ich mag dieses "zur Schau tragen" nicht, außerdem ist es für mich persönlich bequemer, die Kamera seitlich an der Hüfte zu haben.

Obwohl der elektronische Sucher sehr hochauflösend ist und technisch z.B. den der Sony A7-Serie überflügelt, ertappe ich mich dabei, stehts das große, brilliante rückwärtige Display zu nutzen. Damit bin ich sehr schnell und unauffällig, zudem kann ich die Kamera freier positionieren, auch mal niedriger oder höher halten. Es ist also ein anderes Arbeiten als z.B. mit der M, mit der man langsamer und konzentrierter zur Sache geht. Ich stelle fest, dass ich die Automatiken auch komplett nutze, wenn ich sie denn habe. Wenn ich etwas manuell steuere, dann hauptsächlich die Blende, denn das entspricht meiner Gewohnheit mit der M, die ja faktisch im permanenten Blendenprioritätsmodus ist.

 

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1/60 bei F1.7, ISO2500

 

Vielleicht noch ein Wort zum ansonsten sehr guten Sucher: wenn ich die Wahl habe, werde ich immer das große, klare "Glasfenster" der M bevorzugen. Am Anfang mutete es wie Marketingsprech an, aber die Tatsache, dass man mehr als das Motiv sieht, hat tatsächlich etwas für sich. Man gewöhnt sich daran und merkt es erst wieder, wenn man einen elektronischen Sucher hat: der Blick wirkt eingeengt. Abgesehen davon ist der Sucher der Q definitiv spitze (obwohl ihn der Sucher der SL aus eigenem Haus schon wieder übertroffen hat). Man muss einfach mal durchschauen, dagegen sind die meisten anderen elektronischen Sucher eher als Gucklöcher zu bezeichnen. Er ist für Brillenträger sehr gut zu nutzen (Pluspunkt gegenüber der M), groß, klar und auch in dunkler Umgebung komfortabel und schnell.

Ich war am Anfang etwas irritiert, weil der Bildschirm häufig schwarz wurde, wenn ich an der Kamera hantierte. Später stieg ich dahinter, dass der Annäherungssensor des elektronischen Suchers etwas empfindlich sein muss, denn immer, wenn ich mit der Hand grob in dessen Nähe kam, schaltet das Bild auf ihn um. Keine große Sache, man gewöhnt sich dran und dann klappt es auch.

 

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1/60 bei F1.7, ISO1250

 

Was jedoch zunächst gar nicht klappte, stellte sich kurze Zeit später als "eigene Blödheit" heraus. Ich machte nämlich nur unscharfe Fotos. Logisch, fiel mir bald schon ein - ich arbeitete so, wie ich es von der M gewohnt bin. Die Belichtung an einer passenden Stelle abnehmen, danach den Auslöser halb durchdrücken (um die Belichtung zu speichern), aufs Motiv verschwenken und auslösen. Finde den Fehler! Richtig, die Q hat ja einen Autofokus, dem ich auf diese Weise immer das falsche Ziel vorgab. Bei der M kein Problem, dort stellt man die Entfernung ja unabhängig mit dem Messsucher ein. Macht der Gewohnheit!

Da kam mir ein schönes Detail an der Q sehr gelegen, nämlich die Zoomspeichertaste hinten oben am Gehäuse, die ich frei konfigurieren darf. Also habe ich mir die Belichtungsspeicherung auf diese Taste gelegt. Nun konnte ich wie früher mit der DSLR über den Auslöser fokussieren und mittels der hinteren Taste die Belichtung speichern. Das ist wirklich klasse, denn damit kann man schnell und effizient arbeiten.

 

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1/60 bei F1.7, ISO250

 

Einige Profis machen das auch andersrum und legen den kontinuierlichen Autofokus auf die hintere Taste. Solange man diese Taste gedrückt hält, justiert sich der Autofokus dann nach. Mit dem Auslöser speichert man hingegen nur die Belichtung. Mit dieser Methode kann man den Autofokus unabhängig vom Auslöser steuern was bei bestimmten fotografischen Aufgaben auch von Vorteil sein kann.

Über die Leistung des Autofokus habe ich übrigens noch gar nichts geschrieben. Liegt wohl daran, dass er kaum auffällt, weil er seine Arbeit nahezu perfekt verrichtet. Es gibt die üblichen Modi (Mehrfeld, Einzelfeld, Motiv-Verfolgung, Gesichtserkennung), die allesamt sehr gut funktionieren. Vor allem die Gesichtserkennung und die Motiv-Verfolgung haben mich mit ihrer Präzision und Geschwindigkeit beeindruckt, auch bei schlechten Lichtverhältnissen! Trotzdem stelle ich wie die meisten Fotografen immer auf den Einzelfeldmodus (kontinuierlich) um und messe in der Mitte mit anschließendem Verschwenken, oder ich verschiebe das Messfeld manuell.

Eine weiterer interessanter Modus ist der berührungsgesteuerte Autofokus. Im Grunde ist das der Einzelfeldmodus, in welchem die Position des Feldes durch antippen des Touchscreens festgelegt wird. Im Alltag finde ich das eher überflüssig, beim szenischen Arbeiten auf dem Stativ jedoch mitunter sehr nützlich und komfortabel.

 

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Freiberg, Weihnachtsmarkt. 1/60 bei F1.7, ISO1250

 

Generell war ich bisher immer der Meinung, dass ein Kontrastautofokus in dunkler Umgebung nicht mehr benutzbar ist. Die Q belehrt mich nicht nur eines besseren, sie verblüfft mich sogar regelrecht. Ehrlich gesagt hatte ich nach kurzer Zeit vergessen, dass ich hier nur mit Kontrastautofokus hantiere. Die Kamera hatte nie Probleme mit dem Scharfstellen und war immer schnell und zuverlässig. Auch bei beweglichen Motiven. Oder im Dunkel. Oder bei beweglichen Motiven im Dunkel.

Aber nicht nur der Autofokus - auch manuelles Fokussieren ist ein Gedicht. Mir war am Anfang gar nicht aufgefallen, dass es sich hier nicht um eine mechanische Verbindung handelt, so perfekt fühlt sich der Einstellring an. Das kann man eigentlich nicht mehr besser machen. Zusammen mit dem Fokus-Peaking (das für mich gern etwas stärker sein dürfte) und dem scharfen Sucher ist das manuelle Fokussieren manchmal sogar leichter als mit der M.

Auch über die Belichtungmessung und den Weissabgleich kann ich nichts schlechtes sagen. Letzterer wird in den meisten Fällen vorbildlich ermittelt, in jedem Falle besser als ich es von Nikon oder Sony kenne. Da ich ein Gewohnheitsmensch bin, habe ich mir die Belichtungmessung auf "mittenbetont" konfiguriert, meiner Meinung nach verhält sie sich dann ungefähr so wie die der M. Standard ist die Mehrfeld-Messung, die man ebenso uneingeschränkt empfehlen kann.

 

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1/60 bei F1.7, ISO500

 

Da ich vorrangig am Abend unterwegs war, ließ ich den optischen Stabilisator stets eingeschaltet, brauchte ihn aber kaum, denn durch die hohe Lichtstärke des Objektives kann man eigentlich meist bei Zeiten um 1/60 bleiben. Generell hat die Q dadurch gewaltige Reserven, die ISOs kann man ja auch bedenkenlos relativ hoch drehen. Da kann es schon ganz schön dunkel werden, bevor man auch nur in die Nähe von irgendwelchen Grenzen kommt.

Der mechanische Verschluss arbeitet sehr dezent und ist kaum wahrnehmbar. Allerdings reicht er nur bis 1/2000, danach wird er durch einen elektronischen Verschluss abgelöst - in meinen Augen ein Novum bei solch einem großen Sensor. Das hat den Vorteil, dass man auch bei Tageslicht mit Offenblende arbeiten kann, da enorm kurze Belichtungszeiten bis zu 1/16.000 möglich sind. Es hat aber auch den Nachteil, dass bei Nutzung des elektronischen Verschlusses mitunter Rolling Shutter auftritt, konkret neigen sich bewegliche Motive dann je nach Geschwindigkeit mehr oder weniger stark und Dinge wie drehende Rotoren werden völlig zerhackt dargestellt. Das liegt daran, dass der Sensor nicht in einem Rutsch, sondern Zeile für Zeile ausgelesen wird. Die unteren Zeilen kommen daher "etwas später" dran, wenn sich das Motiv schon ein Stück weiterbewegt hat. Somit entsteht eine Positions-Differenz zwischen den bereits ausgelesenen Zeilen und denen, die noch nicht ausgelesen sind.

 

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1/60 bei F1.7, ISO1600

 

Wenn man diesen Effekt kennt, kann man damit umgehen und der Vorteil, auch bei Tag mit Offenblende arbeiten zu können, wiegt den Nachteil locker auf. Ich muss jedoch sagen, dass Leica hier transparenter sein sollte. Ich kriege es im Eifer des Gefechtes nicht immer explizit mit, wenn der Verschluss auf elektronisch umschaltet. Vielleicht sollte man es daher so gestalten, dass der Fotograf diese Funktion selbst aktivieren muss, um sie zu nutzen. Dann ist ihm nämlich auch bewußt, dass er nun der Gefahr des Rolling Shutter ausgesetzt ist.

Eine richtig schöne, kreative Funktion der Q ist die mögliche Einblendung virtueller Leuchtrahmen für die Brennweiten 35mm und 50mm, und zwar nicht mit eingezoomtem Inhalt sondern richtig amtlich, im Messsucher-Style. Man sieht also auch noch das "übrige" Bild außen herum. Das habe ich so bisher bei keiner anderen Kamera gesehen. Arbeitet man im JPG, wird das Bild dann beim Fotografieren tatsächlich auf diese Größe beschnitten (35mm entsprechen 15 Megapixel, 50mm entsprechen 8 Megapixel). Richtig clever hat Leica es beim RAW-Format gelöst, denn dort wird der Crop zwar dem RAW-Konverter mitgegeben, das gesamte Bild ist aber trotzdem vorhanden und somit kann der Ausschnitt auch nachträglich am Computer verändert werden. Ich persönlich nutzte diese Funktion hauptsächlich dafür, mittels der Sucherrahmen bereits vor dem Fotografieren die Wirkung der unterschiedlichen Beschnitte zu untersuchen, was gelegentlich wirklich nützlich sein kann. 

Abschließend noch ein kleines Feature, dass sich für mich ebenfalls als überraschend sinnvoll herausgestellt hat. Ich hatte es bereits kurz erwähnt, die Q besitzt einen Touchscreen, sozusagen ein kleines Erbe der T. Während sich andere Hersteller hier noch zurückhalten (z.B. Sony mit der A7-Serie), nutzt Leica konsequent das Machbare aus und so kann man außer dem Touch-Autofokus (siehe oben) auch mit Wischgesten (vertikal und horizontal) in den Bildbetrachtungsmodus wechseln und wie beim Smartphon durch die Bilder browsen. Letzteres erwies sich als unerwartet natürliche Sache. Immer, wenn ich meine bereits fotografierten Bilder durchsah, nutzte ich intuitiv die Wischgesten und ich beobachtete das auch bei allen anderen Personen, denen ich die Q in die Hand gab (sobald ich auf die Möglichkeit hingewiesen hatte). Tatsächlich hat man solche Dinge im Smartphone-Zeitalter offensichtlich schon tief verinnerlicht! Dieses Feature wäre in meinen Augen auch etwas für eine neue M!

 

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1/60 bei F1.7, ISO3200

 

28mm

Über eine sehr wesentliche Sache haben wir noch gar nicht gesprochen; das fabelhafte Objektiv Summilux 1.7/28mm.

Warum gerade 28mm? Ich habe es immer gesagt und ich stehe dazu: 28mm sind die neuen 35mm. Auch wenn ich persönlich in letzter Zeit stark in Richtung 50mm gehe, bin ich der Meinung, dass die Q nur mit 28mm funktionieren kann. Wir reden hier über ein Gerät, das mit seiner festen Brennweite alle möglichen Anwendungsfälle optimal abdecken muss. Das reicht vom Selfie über das Gruppenbild bis hin zur Weltreise, von engen Gassen zu weiten Landschaften. Für all das ist ein 28mm-Objektiv ideal, es bildet den perfekten Schnitt zwischen vielen Anwendungsfällen, das Optimum. Trotzdem ist es nicht zu weitwinklig, Portraits und Menschen sehen immer natürlich aus - auch am Rand. Nicht umsonst nutzt auch die iPhone-Kamera, wahrscheinlich die meistgenutzte Kamera der Welt, diese Brennweite.

Wenn es etwas gibt, wofür Leica immer stand und steht, dann ist das die Fotoreportage. 28mm sind wie geschaffen für Fotoreportage - in allen Lebenslagen.

Nun, bei Leica sprechen wir natürlich nicht über irgendein 28mm-Objektiv. Ich persönlich hätte schon bei Lichtstärke F2.8 gejubelt, doch hier wurde tatsächlich ein Summilux mit F1.7 implementiert! Das nötigt mir eine gewisse Ehrfurcht ab. Und obwohl die Naheinstellgrenze von 30cm auch schon nicht übel ist, verfügt die Q sogar über einen Makro-Modus, der über eine kleine Drehung am Objektiv mechanisch aktiviert wird - komplett mit eigener Makro-Skala, die sich über die Standard-Skala schiebt. "Um Gottes Willen, nur keine billige Allerweltslösung", muss man sich bei Leica dazu gedacht haben. Mir gefällt's.

Wie aber schlägt sich das optische Wunderwerk im wahren Leben?

 

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1/60 bei F1.7, ISO4000, hier habe ich die Fensterlichter leider verbrannt

 

Kurz gesagt, genau so fantastisch, wie erwartet. Die Qualität ist auf Augenhöhe mit den besten M-Gläsern. Das Bild ist von Ecke zu Ecke wunderbar scharf und detailliert - bei allen Blenden. Auch bei Offenblende! Ich stelle das immer gern etwas in den Vordergrund denn wie oft hört man bei anderen Herstellern: "2 Stufen abgeblendet erreicht das Objektiv seine optimale Schärfe". Diese optimale Schärfe hat man bei Leica immer.

Chromatische Abberationen, bzw. Farbsäume jeder Art sucht man vergebens. Die Verzeichnung ist, wie bei Leica üblich, denkbar gering, trotzdem sollte man bei 28mm natürlich möglichst immer die zuschaltbare elektronische Wasserwaage nutzen um zu viel schiefe Linien zu vermeiden.

Das Thema Vignetierung ist nicht weiter der Rede wert, denn Leica liefert die Daten zur Objektivkorrektur in den DNGs mit, somit wird z.B. die Vignette direkt im Lightroom automatisch korrigiert (vorausgesetzt Lightroom ist up to date). Es ist dabei nicht notwendig, irgendein Objektivprofil auszuwählen - dieses Feld bleibt leer. Die richtige Korrektur wird trotzdem intern angewandt.

Das Bokeh ist für ein Weitwinkel ungewöhnlich weich und harmonisch.

Mikrokontraste und Farbwiedergabe entsprechen dem üblichen Leica-Style. Die Farben kommen etwas zurückhaltender aber dafür realistisch...

 

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1/60 bei F1.7, ISO400

 

Bildqualität (Raw-Dateien)

...was mich übergangslos zum Thema Bildqualität führt. Viele meiner Fotos sind mit höheren ISOs entstanden und zwangsläufig führt das zu der zur Zeit intensiv geführten Forumsdiskussion "Banding". Zunächst wollen wir jedoch einen kurzen Schwenk zur Thematik "isolose" Sensoren, oder ISO-Invarianz unternehmen, weil das indirekt auch damit zusammenhängt. Mein lieber Blog-Kollege Claus Sassenberg hat dazu hier einen sehr interessanten Artikel veröffentlich, noch dazu den einzigen vernünftigen deutschsprachigen Text im Netz. Ich kenne die Diskussion mehrheitlich aus englischen Foren, wo sie in letzter Zeit häufig aufflammt.

Fakt ist, dass manche Sensoren bis zu einem bestimmten Bereich mit Basis-ISO arbeiten, selbst wenn das Bild dabei stark unterbelichtet wird und der Nutzer / die Automatik einen höheren ISO-Wert vorgegeben haben. Erst nach der Aufnahme wird die Belichtung (analog dem, was man gelegentlich im RAW-Konverter mit dem Belichtungsregler tut) hochgezogen. Die dabei erreichbare Bildqualität ist wohl höher (rauschfreier) als eine Signalverstärkung bereits bei der Aufnahme. Einen Sensor mit dieser Eigenschaft bezeichnet man als ISO-Invariant oder "ISOlos".

Offenbar gibt es Geräte, die bereits selbständig intern so arbeiten und wieder andere, wo diese Arbeitsweise nur im manuellen Modus möglich ist. Grundsätzlich kann man die Methode bei jedem Fotoapparat anwenden, aber nur bei ISO-Invarianten Geräten führt sie tatsächlich zu besseren Ergebnissen.

 

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1/60 bei F1.7, ISO2000

 

Allerdings funktioniert der Zauber nicht unter allen Umständen, denn wenn man es übertreibt, bekommt man die Quittung in Form von hässlichen Artefakten in den Schatten. Zudem gilt die ISO-Invarianz auch nur in bestimmten Bereichen. Wird es zu dunkel, erhöht irgendwann jeder Sensor die Empfindlichkeit und vergrößert damit den Hang zum Rauschen.

Allgemein wird nun gesagt, dass ISO-invariante Sensoren die Zukunft sind, weil sie ein wesentlich besseres Rauschverhalten bei wenig Licht haben. Allerdings äußert sich kein Hersteller offiziell dazu und es existiert auch keine wirkliche Definition.

Ob der Sensor der Q "isolos" bzw. ISO-Invariant ist, weiss ich daher nicht. Ich habe bei meinen Testbildern nicht unterbelichtet und hochgezogen, sondern schon bei der Aufnahme mit den von der Automatik gewählten ISO-Stufen gearbeitet. Genau das soll - so die Kritiker in den Foren - ein Nachteil sein, weil hohe ISO-Werte bei der Q verstärkt Banding erzeugen.

Damit schließt sich der Kreis und wir sind beim nächsten schlauen Fachwort: Banding. Banding entsteht im Grunde bei eben diesen höheren ISO-Werten, wenn sich am Auslesekanal des Sensors Streifenartefakte bilden. Man sieht dann also in gleichmäßigen, verrauschten Flächen längere oder kürzere Streifen.

Was kann ich nun zu diesem Thema beitragen? Ich konnte bei der Leica Q nur dann Banding finden, wenn ich eigentlich vollkommen dunkle Flächen im Lightroom / Photoshop derart extrem aufgehellt habe, wie es kein Mensch jemals in der Praxis tun würde - und im Push-ISO50.000-Bereich. Mit anderen Worten: für mich kam in keiner photografisch relevanten Situation Banding vor. Das deckt sich mit den Aussagen diverser Fachpublikationen, die der Q durch die Bank exzellente Bildqualität bescheinigt haben. Es sieht also ganz danach aus, als wäre hier mal wieder eine Kleinigkeit im WWW zu einem Erdbeben aufgeblasen worden.

 

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1/1000 bei F11, ISO100

 

Zum Thema ISO-Invarianz möchte ich folgendes sagen: ob eine Kamera das optimale Bild durch Unterbelichtung + nachträgliches Aufhellen oder durch höhere ISO-Werte erreicht, ist mir zunächst einmal völlig schnuppe - wenn das Ergebnis stimmt. Und soviel kann ich sagen, bei der Leica Q stimmt es. Die Bilder sind auch bei hohen ISO-Werten detailliert und scharf, das Rauschen erinnert eher an Filmkorn, Farbrauschen findet man kaum.

Im Übrigen kann man auch bei der Leica in bestimmten Situationen unterbelichten und mit Hilfe des Belichtungsreglers erstaunliches aus dem RAW herausholen. Lediglich die Schatten fallen meiner Meinung nach bei höheren ISO-Werten dann etwas schneller ab, jedoch scheint der Sensor der Q zumindest teilweise auch ISO-Invariant zu sein. Aber mal ganz ehrlich: so lange es hier keine belastbare, verbindliche technische Definition gibt und sich die Hersteller in Schweigen hüllen, sollten wir uns an das Greifbare halten.

Greifbar ist zum Beispiel die nachfolgende ISO-Reihe, die ich zur Orientierung im Vergleich mit der M240 anbiete. Für mich persönlich ist die Q durch den gesamten Bereich gut nutzbar, einzig die letzten beiden ISO-Stufen würde ich weglassen, da wird es naturgemäß dann doch etwas mau, inklusive dem bösen Banding. Auffällig ist im Übrigen, wie gut die M240 in ihrem ISO-Bereich (bis 6400) mithält!

 

(Bitte die Fotos anklicken für volle Größe!)

Leica Q - ISO100 / Leica M240 - ISO200

Leica Q ISO100Leica Q ISO100 Leica M240 ISO200Leica M240 ISO200

Leica Q - ISO400 / Leica M240 - ISO400

Leica Q ISO400Leica Q ISO400 Leica M240 ISO400Leica M240 ISO400

Leica Q - ISO800 / Leica M240 - ISO800

Leica Q ISO800Leica Q ISO800 Leica M240 ISO800Leica M240 ISO800

Leica Q - ISO1600 / Leica M240 - ISO1600

Leica Q ISO1600Leica Q ISO1600 Leica M240 ISO1600Leica M240 ISO1600

Leica Q - ISO3200 / Leica M240 - ISO3200

Leica Q ISO3200Leica Q ISO3200 Leica M240 ISO3200Leica M240 ISO3200

Leica Q - ISO6400 / Leica M240 - ISO6400 (Push)

Leica Q ISO6400Leica Q ISO6400 Leica M240 ISO6400Leica M240 ISO6400

Leica Q - ISO12500

Leica Q ISO12500Leica Q ISO12500 Leica Q - ISO25000

Leica Q ISO25000Leica Q ISO25000 Leica Q - ISO50000 (Push)

Leica Q ISO50000Leica Q ISO50000

 

Wenn ich nun am Lightroom sitze und die RAWs bearbeite, fühlen die sich für mich sehr ähnlich denen aus der M240 an. Die Farben sind eher zurückhaltend und natürlich. Schärfe und Details sind reichlich vorhanden, der "Leica"-Look ist definitiv erkennbar. Den Kontrast muss man eventuell nachträglich etwas anheben.

Komme ich in extreme Bereiche, in denen ich z.B. pullen oder pushen muss (Schatten aufhellen, Lichter abdunkeln), fühlen sich die Files eher wie aus der A7 an, d.h. ich habe scheinbar etwas mehr Spielraum als bei der M. Die Farben bleiben auch in hohen ISO-Bereichen immer stabil. Damit wäre die Q rein sensortechnisch ungefähr auf Augenhöhe mit den Platzhirschen. Dazu kommt dann aber die außergewöhnliche Qualität der Optik. Als Gesamtpaket betrachtet, liegt die Q daher wirklich ganz weit vorn.

Die 24 Megapixel Auflösung halte ich persönlich für perfekt. Ich habe lange mit der Sony A7r gearbeitet und mich haben die 36 Megapixel eher gestört. Die Bearbeitung im Lightroom war zäher, man brauchte mehr Platz und da ich keine riesigen Plakate drucke (dafür gibt es Mittelformat) ist die Ausgabegröße eh irgendwo bei FullHD oder 4K. Da reichen die 24 Megapixel mehr als aus, selbst zum Croppen bleibt genügend Reserve.

 

L1020382L1020382

1/100 bei F8.0, ISO100

 

App - Fernsteuerung

Heutzutage ist es Stand der Technik, dass sich Kameras mit Smartphones koppeln lassen und die Q macht hier keine Ausnahme. Ich muss dazu sagen, dass ich darin noch nie irgendeinen Sinn gesehen habe, obwohl ich mich durchaus als Intensivnutzer von iPhone, SocialMedia & Co betrachte - ich bin also keinesfalls ein Verweigerer. Dennoch: zum Fernauslösen empfinde ich einen simplen Drahtauslöser oder eine einfache Fernsteuerung wesentlich komfortabler als das Herumgefummele mit einer App. Ebenso sehe ich keine Notwendigkeit, irgendwelche Fotos (Selfies) mit der Q zu machen und dann umständlich aufs Smartphone zu übertragen um sie hochzuladen. Da kann ich auch gleich das iPhone nehmen, für minderwertige Massenfotos mit einer Halbwertszeit von 4 Minuten in der SocialMedia-Welt braucht es keine Q.

Ich denke, dieses Smartphone-Feature moderner Kameras ist wie 3D oder 4K. Das sind Dinge, die eigentlich kein Mensch braucht, die uns aber von der Industrie eingeredet werden. Natürlich muss dann jeder Hersteller mitziehen, aber eigentlich ist es Mumpitz.

Ich gebe zu, in meinem letzten Jahresurlaub hatte auch ich ab und zu das Bedürfniss, meinen Eltern per Whatsup ein paar Fotos zu schicken. Anstatt die aber mühevoll von der A7r auf das iPhone zu übertragen, machte ich diese wenigen Bilder dann gleich mit dem Smartphone. Das war einfacher und reichte für's schnelle Betrachten auf dem kleinen Display völlig aus. Die richtigen Bilder gab es dann nach dem Urlaub.

 

L1020396L1020396

1/200 bei F8.0, ISO100

 

Um diesem Bericht gerecht zu werden, habe ich das Zusammenspiel zwischen Q und App natürlich ausprobiert. Man kann Smartphone und Kamera relativ einfach verbinden, wenn man im gleichen WLAN ist, ansonsten (also Outdoor) lässt man die Q ein eigenes WLAN aufspannen, in das man sich mit dem Smartphone dann einklinkt. Die kostenlose App und die Menüführung auf der Q sind simpel und selbsterklärend, dennoch ist insbesondere die Ersteinrichtung natürlich immer eine einzige Fummlei (schon die Eingabe von WLAN-Passwörtern in die Kamera ist naturgemäß zum Schreien). Ist alles eingerichtet, geht es dann natürlich wesentlich besser, jedoch brauchte ich immer zwei oder drei Versuche, bis die Verbindung stand und sich alle Beteiligten "gefunden" hatten.

Wenn ich mir vorstelle, irgendwo mit Stativ zu stehen und z.B. Langzeitbelichtungen zu machen, möchte ich einfach nur einen simplen Fernauslöser haben. Wenn ich nämlich mit dem Smartphone hantieren muss, drei Versuche brauche, bis die Verbindung steht und noch dazu feststelle, dass der Akku des iPhone nur noch 10% hat, krieg ich nen Wutanfall. Ich sehe ein, dass diese Featuritis im vergleichenden Konkurrenzkampf sein muss, aber sie steht der restlichen Philosophie der Kamera - nämlich dem Konzept der Effizienz und Einfachheit - in meinen Augen vollkommen entgegen.

Der Vollständigkeit halber sei gesagt:

Wenn die Verbindung steht, kann man das Sucherbild der Kamera auf dem Smartphone bewundern, essentielle Einstellungen wie Blende und Verschlusszeit fernsteuern, natürlich auslösen und die Bilder dann auch direkt auf dem Gerät speichern (natürlich keine RAWs), um sie halt möglicherweise direkt zu teilen.

 

L1020374L1020374

1/60 bei F11, ISO100

 

Gerüchte?

Vor einiger Zeit machten wilde Gerüchte die Runde, Leica könnte mehrere Versionen der Q mit unterschiedlichen Brennweiten anbieten. Das ist nie bestätigt worden, ich fände es aber extrem reizvoll. Gäbe es beispielweise die 28mm-Q und dazu noch eine 50mm-Q - mein M-Setup hätte regelrecht ausgesorgt, denn diese beiden Geräte würden für mich alles abdecken.

 

L1020372L1020372

1/100 bei F11, ISO100

 

Fazit

Mit der Q ist Leica ein echter Coup gelungen. Ich bin der Meinung, dass sowohl Q als auch SL für Leica einen Schritt in eine neue Richtung bedeuten, weg vom Nischenproduzenten hin zum technologischen Trendsetter und damit hin zu alter Größe. Die besten elektronischen Sucher, Autofokus der Spitzenklasse, extrem hochwertige Optik. Das sind nicht mehr nur spezielle Geräte für spezielle Leute, sondern Geräte mit Alleinstellungsmerkmalen, die zeigen, was technologisch möglich ist, wenn man alles mal konsequent und ohne Kompromisse zu Ende denkt. Damit steht meiner Meinung nach auch der Preis in einem anderen Licht.

Die Q macht in der Gesamtheit alles richtig. Damit sticht sie auch ihre vielleicht größte Konkurrentin, die Sony RX1-Reihe, aus. Sie ist einfach überall ein wenig besser und praktischer. Etwas mehr Brennweite, mehr Lichtstärke, bessere Optik, besserer Sucher, besseres Bedienkonzept (Schlichtheit und Effizienz ist der neue Megatrend) und eine ausgewogene Anzahl von Megapixeln (ich mag 24 Megapixel definitiv mehr als diesen Irrsinn mit über 30 oder gar 40).

Dabei werden alte und bewährte Bedienkonzepte (Blendenring, Zeitenwahlrad) an genau den richtigen Stellen mit neuen Technologien kombiniert (Automatiken, Touchscreen, naja, ok, auch Smartphone-Anbindung). Dazu kommen die grundlegenden Leica-Tugenden Qualität, Werterhalt und Langlebigkeit. Ich denke, Leica steuert hier in einen neuen Hype um hochwertige, nachhaltige und individuelle Produkte hinein, der erst noch dabei ist, sich zu entwickeln. Einige Unternehmen aus dem fernen Osten könnten in den nächsten Jahren in Schwierigkeiten geraten, da die europäischen Kunden überkomplizierte Massenprodukte zunehmend kritisch betrachten, ähnliches ist mir aus der TV-Branche bekannt. Die Technologie soll uns wieder das Leben erleichtern und nicht nur dem Selbstzweck dienen. Design und Ergonomie spielen wieder größere Rollen.

Mit diesen Geräten nimmt Leica eine technologisch führende Position ein und rennt nicht länger anderen Herstellern hinterher. An Q und SL werden sich andere in Zukunft messen lassen müssen.

Bin ich jetzt ein Fanboy? Nein, ich denke einfach, die Q ist eins dieser Produkte, bei dem der Hersteller einfach alles richtig gemacht hat. Ein Produkt mit einer gewissen Leuchtkraft und ein technologischer Wegweiser.

Die Q ist nicht nur die ideale Ergänzung für M-Nutzer, sie ist auch für alle anderen anspruchsvollen Fotografen eine gute Wahl. Geradezu prädestiniert ist sie natürlich für das klassische Spielfeld von Leica: Street und Reportage. Dazu passen die Brennweite, der Formfaktor und ein Autofokus, der auch bei wenig Licht sein Ziel schnell und sicher findet. Die Kamera ist leise und unauffällig, die Bildqualität superb. Dazu kommen wie oben angesprochen ein simples, zugängliches Bedienkonzept, hohe Wertbeständigkeit und natürlich eine sehr hohe Qualität. Im Grunde all die Tugenden, die das Image von Leica und die Strahlkraft der Marke einst begründet haben.

 

Weitere Berichte und Links

Der folgende Q-Test kommt von einem richtigen Fotografen, mit tollen Bildern und Portraits, die mich mit meinen ollen Ruinen vor Neid erblassen lassen.

http://neunzehn72.de/leica-q-typ-116-hallo-neue/

Natürlich darf auch mein lieber Blog-Kollege Claus Sassenberg nicht fehlen. Auch er hat einen sehr schön bebilderten Bericht aus Sicht eines Leica-M-Besitzers geschrieben.

http://dr-claus-sassenberg.com/?p=1781

Hier ein Erfahrungsbericht neueren Datums, geschrieben von Hans-Jürgen Malchow von www.das-hamburg-foto.de

http://www.das-hamburg-foto.de/leica-q/

Wer sich schon mal etwas einlesen möchte, dem sei hier der Download des Handbuches ans Herz gelegt:

https://de.leica-camera.com/Fotografie/Leica-Q/LEICA-Q/Downloads

 

Produktbilder: Leica Camera AG

 

L1020423L1020423

1/125 bei F8.0, ISO100

 


Kommentare

Cetus-A
Hallo Markus,

ja, das macht Leica wirklich gut... das Bedienkonzept ist absolut vorbildlich und ich weiss auch nicht, warum sonst keiner den Mut dazu hat. Und die Optiken sind eh weltklasse. Ich kann Dich verstehen... Zumal der M-Body wirklich fantastisch ist, wenn man auf den Autofokus verzichten will / kann.

LG
Jörg
markus dietze(nicht registriert)
ich will eigentlich gar nicht viel dazu noch schreiben :) wurde schon alles toll im bericht beschrieben.
ich habe professionell schon mit vielen systemen gearbeitet. hatte dann auch für freizeit etc. die sony rx1r... hatte auch tolle fotos gemacht. speziell die sw jpg`s im hohen iso bereich.
seit einigen tagen nun auch mit der Q unterwegs - die sony verkauft, so lange man noch etwas geld dafür bekommt und ich bin mehr als glücklich mit meiner entscheidung.
LEIDER (für mein bankkkonto) wissen die leute bei leitz/leica was wir alle wollen. die menüs, das bedienkonzept ist der knaller - und ich dachte schon meine 5d mark3`s sind super durchdacht. gegen die kleine Q hat aber keine meiner bisherigen kameras ne chance. von den daten brauch ich eigentlich auch gar nicht zu reden. die optik ist schärfer, selbst bei offenblende als zb meine (bisherige lieblingslinse) L 35mm von canon.
kurzum, mir fällt eigentlich nichts ein, dass ich vermisse oder was vom bedienkonzept/knöpfe noch fehlen würde. und die kleinen feinen verbesserungen kommen mit sicherheit auch nochmals mit firmwareupdates. (sony hat in all den jahren übrigens überhaupt keine firmwareupdates gemacht... obwohl es vom menü etc noch haufenweise sachen zu verbessern gäbe)
also liebe leica leute - digital nun so angefixt, dass ich neben der Q und meiner M6 mit sicherheit noch irgendwann nen digitalen M body mir holen werde.
Timo P.(nicht registriert)
Sehr toller Bericht - ich habe mir die Q vor ein paar Tagen bestellt und kann es kaum erwarten sie in meinen Händen zu halten. Allzeit Gut Licht!
Cetus-A
Hi Mark,

danke!! Habs mit aufgenommen.

LG
Jörg
Mark(nicht registriert)
Hi Jörg,

ich habe gerade gelesen, dass sich die Blende auf f/2.8 im Nahbereich verringert. Allerdings konnte ich noch nicht herausfinden ab welcher es losgeht.

http://www.fotomagazin.de/kamera/leica-q-typ-116

Im übrigen habe ich Dich wieder im RSS-Reader und hoffe, dass es auch drinbleibt.

Liebe Grüße Mark
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