Summicron-M 2/35mm Asph - Das Objektiv fürs Leben

December 09, 2014  •  13 Kommentare

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Wenn man irgendwann eine Leica M(...) erwirbt, steht man zwangsläufig vor der Frage, welches Objektiv für den Anfang am Besten passen könnte.

Da man in der Regel angesichts der Preise nicht gleich mit mehreren Optiken loslegen kann, muss man zunächst einen Kompromiss finden. Typischerweise entscheiden sich Portrait-affine Typen oder Street-Fotografen eher für ein 50er und alle anderen für ein 35er.

Da mein Schwerpunkt auf Architektur und Landschaft liegt, tendierte ich folgerichtig zum etwas weiteren 35mm.

 

 

 

 

 

 

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Einmal für eine Brennweite entschieden hat man nun die Qual der Wahl. Soll es ein budgetfreundlicheres Voigtländer oder ein Zeiss sein? Oder doch lieber das Original von Leica? Und wählt man ein neues oder schaut man sich auf dem schier unerschöpflichen Gebrauchtmarkt um?

Nach einigen mittelmäßigen Erfahrungen mit Voigtländer (defekte oder schlecht justierte Objektive) hatte ich mich auf Leica fixiert. Zudem legte ich Wert auf die 6bit-Codierung, mit Hilfe derer meine Kamera das Objektiv zweifelsfrei automatisch identifizieren kann. Die manuelle Einstellung im Menü vergesse ich nur allzu oft.

 

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Bleibt immer noch die Entscheidung zwischen dem Summarit-M 2.5/35, dem Summicron-M 2/35 oder dem Summilux-M 1.4/35. Die Preise reichen dabei von "bezahlbar" (Summarit) bis "Irrsinn" (Summilux), wobei man aber gerade bei Letzterem zugeben muss, dass sie durchaus gerechtfertigt sind. Das Summilux-M 1.4/35 Asph FLE gilt nicht umsonst als Champion aller 35mm-Objektive.

So überlegt man unwillkürlich, ob man lieber zwei oder drei bezahlbare Optiken nimmt, z.B. Summarit-M 35mm, 50mm, 90mm - oder ob man sich einfach für das Summilux-M 35 entscheidet (das kostet ungefähr soviel wie die drei Summarite zusammen) und es dann als das perfekte Objektiv für immer an der Leica lässt - und nie wieder abschraubt.

Dazu muss man sich folgende Fragen stellen: bin ich bereit, dass schwerere Summilux zu tragen? Komme ich damit klar, dass es einen Teil des Sucherbildes verdeckt? Brauche ich wirklich Blende 1.4? Bin ich geübt genug mit dem Messsucher, um bei Offenblende die papierdünne Schärfeebene zu erwischen?

Im Umkehrschluss dazu die berechtigte Frage zum Summarit-M 35: bin ich mit der maximalen Lichtstärke von F2.5 (neue Modelle 2.4) zufrieden? Gerade falls ich eine M8, M9 oder M-E besitze, die alle keine großen Low-Light-Helden sind?

 

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Wie gut, dass Leica für all diese Unentschlossenen (zu denen auch ich mich zählte) die perfekte Lösung bereithält: das kleine, unscheinbare Summicron-M 2/35 Asph. Die aktuelle Version dieser Optik wird seit 1996 unverändert gebaut. Mit den Maßstäben unserer modernen Turbo-Konsum-Wegschmeiß-Gesellschaft gemessen, wäre das natürlich ein völlig veraltetes Produkt. Im Umkehrschluss bedeutet das jedoch, dass Leica bereits damals das technische Optimum mit diesem F2.0-Objektiv erreicht hat. Wären sinnvolle Weiterentwicklungen im Rahmen des ökonomisch Machbaren möglich gewesen, hätte sich Peter Karbe wahrscheinlich nicht lumpen lassen...

Blieb die Frage übrig: Summarit oder Summicron? Schaut man sich auf dem Markt um, stellt man fest, dass ein gebrauchtes 35er Summicron-M im Preis ähnlich liegt, wie ein fabrikneues 35er Summarit-M. Besitzt man nun die neue M (Typ 240) mit besserem Low-Light-Verhalten, bevorzugt man eher ein neues Produkt und legt man besonderen Wert auf Handlichkeit, so wird man auch eher zum Summarit-M tendieren. Kommt es jedoch durchaus auf Lichtstärke an und ist man bereit, sich mit Gebrauchtware "abzufinden", sollte man lieber nach einem gebrauchten Summicron suchen.

 

Das perfekte 35er besteht aus 7 Elementen (1 Asphäre) in 5 Gruppen. Die Blende besteht aus 8 Lamellen. Filtergewinde 39mm, Naheinstellgrenze 70cm.

 

Ich persönlich entschied mich für das etwas lichtstärkere Summicron-M. Das sollte man an dieser Stelle nicht falsch verstehen - das 35er Summicron ist nicht etwa nur eine Vernunft- oder Budgetentscheidung. Es ist vielmehr eine grundsolide, ehrliche Optik, die immer etwas im Schatten ihres großen Bruders Summilux steht. In dieser Hinsicht bin ich sogar einmal mit Ken Rockwell einer Meinung, der da sagt: "You could spend a lifetime shooting with this 35mm lens and never need another." Dem ist ausnahmsweise mal nichts hinzuzufügen.

Die Lichtstärke des Summicron-M liegt mit F2.0 wie bereits erörtert genau zwischen Summilux-M und Summarit-M. Es ist klein (53mm x 35mm), leicht (254g) und passt ganz allgemein gesagt auf die Leica wie "Arsch auf Eimer". Das die optische Leistung stimmt zeigen die Massen von (Reportage)fotografen, die das Summicron-M seit Jahrzehnten - teilweise als einziges Objektiv - nutzen. Hier hilft es, einmal aufmerksam in der LFI zu blättern.

Es hat zwar nicht so ein hohes Freistellpotential wie das Summilux-M, das Spiel mit Schärfe und Unschärfe ist aber trotzdem möglich. Außerdem muss man beim Fokussieren mit F2.0 nicht ganz so perfekte Millimeterarbeit leisten wie bei einer Lichtstärke F1.4. Gerade wenn es auch mal schneller gehen muss kann man sich die eine oder andere kleine Nachlässigkeit erlauben. Dazu kommt, dass das Summicron-M nicht mit Fokus-Shift zu kämpfen hat (beim großen Bruder Summilux-M 35 bekam man das erst durch Integration eines floating elements in den Griff).

Die einzige Angst, die ich beim Summicron-M immer hatte: reicht Blende 2.0 auch für abendliche Stadtspaziergänge? Wochenlang ging ich mit dem iPhone durch die Gegend und maß mit einer Belichtungsmesser-App, was man in bestimmten Situationen mit Blende 2.0 noch erreichen könnte.

 

L1000119L1000119 Für "Low Light" braucht man nicht unbedingt F1.4 - wie nachfolgende Bilder beweisen.
 

Dresden - EveningDresden - Evening

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Dresden - AbendDresden - Abend

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Als das Summicron nach langer Zeit endlich eintraf, ging es mir so, wie es mir immer mit M-Objektiven geht... "Was, für das kleine Dingelchen hast Du soviel Geld bezahlt...?" Immer wieder erstaunlich wenn man sich z.B. mal das aktuelle Nikkor 35mm F1.8 vorstellt - ein riesiger Plastebomber im Vergleich dazu. Und der Mensch ist ja so simpel gestrickt, dass er Größe oft mit einer gewissen Qualität verbindet... aber das wollen wir hier nicht weiter vertiefen.

Die Haptik des Summicron muss nicht länger besprochen werden - es ist halt ein Leica-Objektiv. Der Blendenring rastet feinmechanisch perfekt, das Fokussieren geht geschmeidig und weich. Hier gibt es wirklich nichts zu beanstanden. Die Standard-Sonnenblende (rechteckig) finde ich auch in Ordnung - sie ist nicht besonders sexy aber zweckmäßig.

Ich habe mir bei EBAY dazu eine runde Metall-Sonnenblende gegönnt. Die sieht zwar aus, als käme sie direkt von der Front aus Afghanistan, ich mag aber diesen "used" look, es verleiht dem Gerät irgendwie Charakter. Und potentielle Diebe schreckt es ab - wer will schon so eine alte Vorkriegskamera klauen.

 

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Aber zurück zum Thema.

35mm ist wirklich eine unglaublich nützliche Brennweite - es gibt kaum etwas, was man damit nicht einfangen kann. Meine ersten Versuche fanden natürlich im Dunkel statt - ich brannte darauf, die Möglichkeiten der Blende 2.0 auszuloten. Da man die Leica zur Not noch bis 1/30 nahezu ruhig halten kann, gelingen - wie in den Fotos erkennbar - auch im nächtlichen/abendlichen Dresden noch gute Bilder, die die Lichtstimmung perfekt einfangen. Die latente - und für Ehe und Geldbörse gefährliche - Lust auf das Summilux-M ist seit dieser Zeit bei mir endlich erloschen und ich genieße nun das Gefühl, mit dem Summicron jeder Situation gewachsen zu sein.

Sehr schnell merkte ich, wie gut die Kombination M + Cron 35 im Alltag wirklich ist - spätestens dann, als ich im Lightroom nicht mehr auf die Schnelle unterscheiden konnte, welche Bilder nun von der M + Cron 35 und welche von der A7r + Zeiss 35mm F2.8 waren. Die Outputs sind so ähnlich! Klar liefert die A7r mehr Details und Auflösung (24MP vs 36MP!) - aber im normalen Hausgebrauch - beim Betrachten auf dem 27"-Monitor im Lightroom - fällt das logischerweise kaum ins Gewicht.

 

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Was mir auffiel: die RAW-Files der M9 zeigen in Verbindung mit dem Summicron teilweise Moire-Effekte an feinen Strukturen. Das beweist im Grunde, dass die Auflösung des Objektives verdammt gut ist - eigentlich fast zu gut für den 18MP-Sensor der CCD-Modelle.

Für ein Produkt, dass man nicht unbedingt als "frisch" bezeichnen kann, ist das außerordentlich beachtenswert.

Das Bokeh ist - für meinen Geschmack - sehr weich und ansprechend. Chromatische Aberrationen sind zwar vorhanden, aber nur in Extremsituationen in den Ecken dezent erkennbar.

Subjektiv macht das Summicron-M fein texturierte, detailreiche Bilder mit einer sehr plastischen Anmutung, reichen, fein differenzierten Farben und viel Mikrokontrasten. Entsprechend lohnenswert ist daher auch die Konvertierung in Schwarzweiss. Schnell findet man hier den typischen Leica-Look... wobei - so viel anders als eine A7r mit Zeiss-Glas ist der auch nicht, was sowohl für die Leica als auch für die A7r spricht.

 

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Ähnlich wie beim hier besprochenen Zeiss 35mm F2.8 FE gibt es auch beim Summicron-M nichts spektakuläres, über das man sich länger aufregen könnte. Verzeichnung ist kaum ein Thema über das es sich zu sprechen lohnt (schaltet man im Lightroom die Objektivkorrektur ein, muss man immer dreimal schauen um einen Unterschied zu finden), unscharfe Bildränder finden sich auch nicht (die Schärfe erreicht bei Blende 4 bereits ihren Höhepunkt) und Vignettierung wird - selbst im RAW - automatisch herausgerechnet (dazu muss das Objektiv aber von der Kamera erkannt werden; entweder über den 6bit-Code oder über die entsprechende Menüeinstellung).

Ich könnte hier noch viel mehr schreiben und einen auf Steve Huff machen, aber ich denke, das Wesentliche ist gesagt. Das Summicron ist die goldene Mitte, eine mechanische Ausgeburt an Perfektion in jeder Hinsicht. Es bildet den optimalen Kompromiss zwischen Preis, Leistung, Größe, Bildqualität und Anwendbarkeit - und das auf verdammt hohem Niveau. Sollte einer meiner Leser mal mit einer Leica M an die sprichwörtliche einsame Insel gespült werden: solange ein 35er Summicron-M Asph dabei ist, wird alles gut.

Ich unterstelle mal schlicht, dieses Objektiv wird auf EBAY & Co am wenigsten wieder verkauft.

 

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Fazit

Das Summicron-M 2/35 Asph ist klein, leicht und handlich. Es passt perfekt zur Leica M/8/9 und bietet hervorragende Bildqualität, sehr gute Schärfe, angenehmes Bokeh und kaum chromatische Aberrationen. Die Bilder sind kontrastreich und plastisch, Farben werden differenziert wiedergegeben. Das Optimum an Qualität erreicht das Summicron-M bereits ab Blende 4, allerdings ist auch bereits Offenblende gut und ohne Einschränkungen verwendbar.

Dieses Objektiv wird mich wohl nie wieder verlassen. Frühere Pläne, es mal zu einem Summilux-M "aufzuwerten" habe ich mittlerweile nicht mehr. Solange ich die M besitze, wird das Summicron ebenfalls seinen Platz haben. Die beiden sind ein Paar für die Ewigkeit - wie Bonni und Clyde.

Denkbare Ergänzungen für die 35mm-Brennweite wären nach unten vielleicht das Super-Elmar-M 21 oder 18 - zwei hervorragende Weitwinkel, oder nach oben ein Summarit-M 2.5/90. Denkbar wäre auch ein Summilux-M 50 für die "dunkleren" Momente, wenngleich meist auch die Blende 2.0 der Summicrons ausreichend ist.

 

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Kommentare

13.Heinrich Lange(nicht registriert)
Hallo Jörg,

danke für Deine Rückmeldungen, das baut auf :-)
Witzig finde ich unsere Namensgleichheit.

Gruß
Heiner
12.Cetus-A
Hallo Heiner,

wie ich sehe, hast Du Dich richtig entschieden!! :-) Ich habe meine persönlichen Favoriten bei Flickr mal markiert. Auch wenn der Messsucher am Anfang sicherlich ungewohnt ist - die Ergebnisse sprechen doch für sich!

Beste Grüße
Jörg
11.Heiner(nicht registriert)
Hallo Jörg,

ich habe micht entschieden und die M9 mit dem "älteren" Summicron erstanden.
Meine ersten Gehversuche mit der Messsuchertechnik waren schon recht abenteuerlich, ich bin aber bisher ganz zufrieden.
Wenn es Dich interessiert kann Du ja mal bei Flickr reinschauen.
https://www.flickr.com/photos/134486041@N08/albums/72157670034134812

Gruß
Heiner
10.Cetus-A
Hallo Heiner,

okay, im Bundle - wenn es dann wirklich ingesamt günstiger wird - würde ich zuschlagen.

Du kannst im Übrigen immer gern schreiben, wie Du Dich letztendlich entschieden hast oder auch über Deine Eindrücke zur M9 und dem Objektiv, der Blog ist ja für den Austausch da!

Beste Grüße
Jörg
9.Heiner(nicht registriert)
Hallo Jörg,

vielen herzlichen Dank für Deine ausführlichen Hinweise.
Jetzt muss ich noch ein bisschen in mich gehen, da mir Schärfe und Details (muss ja nicht gleich klinisch sein) schon wichtig sind und es schon plausibel klingt, ein für die digitale Fotografie abgestimmtes Objektiv für die M 9 zu nutzen.
Das Problem ist, dass ich eine gebrauchte M 9 zusammen mit dem Summicron erwerben kann und im Bundle das Ganze etwas günstiger wird.
Wir werden sehen. Falls es Dich interessiert, würde ich Bescheid geben, wenn es - wie auch imemr - passiert ist.

LG und danke nochmal
Heiner
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