Voigtländer 21mm F4 Color Skopar und die Leica M8

September 04, 2013  •  5 Kommentare
 
Chemnitz 5
 
Eigentlich sollte an dieser Stelle das Review zum Voigtländer 35mm 1.4 Nokton stehen. Das ist leider momentan zur Reparatur (tatsächlich!) weil beim Fotografieren in Dresden der Blendenring aus seiner Führung gerutscht ist. Kaum vorstellbar angesichts der hochwertigen feinmechanischen Anmutung dieser Linse und wahrscheinlich auch eher selten. Die Herren am Service waren jedenfalls verblüfft.
Es existiert aber noch ein zweites Voigtländer-Objektiv zu dieser M8, ein Objektiv, welches eher ein Schattendasein fristet, im Netz kaum erwähnt und von Ken Rockwell gar als “unpassend” für die Leica M beschrieben wird – das Voigtländer 21mm F4 Color Skopar Pancake II. Was für ein Name.
 
 
Langer Name, kurze Linse. Das Voigtländer 21mm F4 Color Skopar Pancake II mit 8 Linsen in 6 Gruppen
 
 
Kleiner Hinweis zu Beginn: es geht hier um das Color Skopar Pancake II (2), nicht um das Color Skopar – das hat nämlich nur einen M39-Anschluss und benötigt daher für die Leica-M einen Adapter.
 
Leica selbst hat ja seinerzeit für die M8 das kleine, (für Leica-Verhältnisse) bezahlbare Elmarit-M 28mm 2.8 asph. angeboten. Das sollte so eine Art Brot-und-Butter-Brennweite für die M8 werden, sozusagen das “Kit-Objektiv”. Durch den Beschnittfaktor des M8-Sensors (1.33) wird daraus faktisch ein 35mm – perfekt.
Andererseits kann man für das gleiche Geld zwei Voigtländer-Linsen erwerben, die auch nicht wirklich schlecht sind und eigentlich alle Lebenslagen (bis auf Tele) perfekt abdecken.
 
Das ist zum Einen das bereits im M8-Review erwähnte Nokton 35mm 1.4 und andererseits besagtes 21mm Color Skopar Pancake II, um das es hier geht. An der M8 wird aus dem 35mm ein 45mm und aus dem 21mm wird ein 28mm – zwei durch und durch perfekte Immerdrauf-Brennweiten.
 
 
Chaos
 
Chemnitz 5
Mit 21mm – respektive 28mm an der M8 – passt einiges ins Bild. Eigentlich eine perfekte Brennweite für alles außer Portraits und Vögel.
 
 
Während das Nokton 35mm scheinbar das unproblematischere Objektiv von beiden ist (einfach drauf und fertig – wenn nicht gerade der Blendenring abfällt), muss man beim 21mm Color Skopar Pancake II einiges beachten.
 
Zunächst mal würde man für die M8 eigentlich diesen externen Sucher benötigen, da für die Brennweite kein Leuchtrahmen vorhanden ist. Achtung! 21mm entsprechen an der M8 ungefähr 28mm, daher auch ein Sucher für 28mm! An der M9 müßte man dagegen diesen Sucher verwenden.
 
Zufälligerweise hat aber die Gesamtgröße des M8-Suchers ziemlich genau die gleiche Bildfeld-Abdeckung wie die 21mm-Linse, somit achtet man halt nicht auf Leuchtrahmen sondern nimmt die reale Suchergröße als Anhaltspunkt. Natürlich könnten böse Zungen behaupten, dass man das Bildfeld auf diese Weise eher schätzt als komponiert (weil man nie alles auf einmal überblickt), aber für den Hausgebrauch ist das okay. Um auf den optimalen Beschnitt zu kommen muss dann allerdings die digitale Dunkelkammer ran. Für ernsthaftere Nutzung – gerade im Bereich Architektur – sollte man daher über den Erwerb des externen Suchers definitiv nachdenken.
 
 
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Ohne externen Sucher wird das Framing eher zum Schätzing (oh, was für ein Wortspiel)…
 
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…und erfordert mitunter mehrere Versuche.
 
 
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Ohne Beschneiden…
 
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…oder drehen…
 
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…wird es meist nichts. Daher für alle ernsthaften Fotografen: nutzt den externen Sucher, aber beachtet den Cropfaktor!
 
 
Dresden, Castle
 
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Die M8 kann auch low light… wenn man Plugins wie Neat Image besitzt…
 
 
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In punkto Schärfe und Farbdarstellung gefällt mir das 21mm Color Skopar F4 besser als das Voigtländer classic 35mm F1.4. Die Bilder haben etwas mehr Biss.
 
 
Zweitens muss man die 6-bit-Codierung an diesem Objektiv anwenden. Diese ominöse Codierung ist auf jedem neueren Leica-Objektiv drauf (auf älteren kann es ergänzt werden) und erlaubt den digitalen M-Bodys das Erkennen des Objektiv-Types. Anhand dieser Information rechnet die Kamera dann Vignettierung und eventuelle andere Fehler (Farbstiche bei Nutzung des IR-Filters) raus und schreibt korrekte EXIFs. Beim 35mm ist das alles nicht unbedingt nötig, beim 21mm aber schon. Das Weitwinkel vignettiert nämlich doch relativ stark und erzeugt vor allem bei Nutzung des obligatorischen IR-Filters Farbverschiebungen in den Bildrändern. Im Internet gibts ja bekanntlich alles, so auch hier eine Schablone, mit deren Hilfe man die Markierungen selber machen kann. (Das hier besprochene Objektiv ist als Elmarit-M 21mm/F2.8 codiert).
 
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Drittens gibt es zwei Kleinigkeiten bei der Fokussierung. Zunächst mal läuft der Verstellbereich des Fokus im Nahbereich über eine kleine Strecke “leer”, trotzdem läßt sich aber korrekt fokussieren. Der Hintergrund ist, dass das Objektiv originär für die Voigtländer Bessa konstruiert wurde – dort gibt es diesen “Leerlauf” nicht. Diese Eigenheit muss man kennen denn es hat schon Leute gegeben, die das gute Stück deswegen als “defekt” zurückgesandt haben.
Zudem stimmt die Schärfentiefen-Skala zumindest an der M8 nicht – einfach deshalb, weil die Skala auf Kleinbildformat gerechnet ist und die M8 ja eine Cropkamera ist. Eine simple Regel besagt, bei gegebener Blende die Hyperfokaldistanz immer für eine Blende kleiner einzustellen. Wenn man also die Tiefenschärfe von Blende 8 erreichen will (und die Entfernung am Blendenring so einstellt), sollte man tatsächlich mit Blende 11 fotografieren. Erwischt man die Hyperfokaldistanz richtig, ist bei Blende 11 alles ab 70cm, bei Blende 16 alles ab 50cm scharf.
Da der Schärfentiefenbereich bei diesem Objektiv aber eh sehr sehr hoch ist, kann nicht viel passieren, wenn man einfach auf “Unendlich” stellt (außer bei sehr nahen Objekten).
 
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L1011448 Für manche Tiere braucht man halt ein Weitwinkel.
 
 
Weil wir gerade bei 50cm sind… das ist die Naheinstellgrenze des Objektives. Da der Messsucher der M8 nur bis 70cm fokussieren kann, behilft man sich mit einem kleinen Trick. Den kann man nicht beschreiben, man muss es sehen. In diesem sehr schönen Review (zugleich das einzige sinnvolle Review zu diesem Objektiv) ist der Trick erklärt.
 
Falls jetzt nach meinem ganzen Wenn-und-Aber ein falscher Eindruck entstanden ist kann ich an dieser Stelle sagen: auch wenn es nicht so klingt, dieses Objektiv ist eins der simpelsten, die man sich an der Leica M vorstellen kann. Einfach immer auf Unendlich drehen und dass, was man im Fenster sieht, ist nachher auch auf dem Bild.
 
Die Haptik ist hervorragend. Obwohl klein und leicht wirkt es hochwertig, der Blendenring rastet satt, die Fokussierung läuft weich und präzise.
 
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Wie sieht es mit den optischen Qualitäten aus? Wenn man intensiv im Internet sucht, findet man immer wieder die Aussage: “Auch nicht viel schlechter als eins von Leica, aber dafür klein, leicht und spottbillig!” Ich weiss natürlich, dass solche Sätze immer mit Vorsicht zu genießen sind. Auch darf man nicht vergessen, dass die Lichtstärke mit F4 nicht so berühmt ist – allerdings sehe ich das bei einem Weitwinkel nicht besonders kritisch.
Die Schärfe ist sehr gut, die M8 erzeugt mit dieser Linse detaillierte Bilder die tatsächlich kaum Wünsche offen lassen. Selbst bei (der bescheidenen) Offenblende von 4 passt es schon – allerdings mit leichten Verlusten in den Ecken. Das ist aber eigentlich normal. Blende 8 und 11 sind perfekt von Rand zu Rand, ab 16 bis 22 wird es dann generell etwas weicher – aber nicht in Größenordnungen, die im RAW-Konverter nicht zu beherrschen wären.
Die Vignettierung ist bei Blende 4 sichtbar aber nicht störend (ich bin da eh tolerant), bei Blende 8 kaum noch wahrnehmbar. An dieser Stelle auch der Hinweis: an einer M9 kann das anders aussehen, da diese eine Vollformatkamera ist und somit Bereiche des Objektives nutzt, die ich hier mit der M8 schlicht und ergreifend nicht sehe und beurteilen kann, denn ich bewege mich ja im Crop. Dennoch gibt es Leute im Internet, die diese Linse auch an der M9 nutzen und zufrieden sind, und schlussendlich wurde sie ja für 35mm-Film, also Vollformat, gebaut.
 
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Zumindest für die M8 setzt sich die Wahrnehmung dieser Linse aber fort: so unkompliziert sie in der Bedienung und Nutzung ist, so unkompliziert ist sie in der Bildqualität. Manchen scheint sie ein wenig kontrastarm, doch das kann im RAW-Konverter oder in der Bildbearbeitung ja schnell und nach persönlichem Geschmack angepasst werden.
 
 
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stairs Alles, was ihr hier als Vignette seht, kann nicht der Optik angelastet werden sondern wurde von mir mutwillig eingebaut!
 
 
Lens flares sind eher selten (ich hab bis jetzt noch gar keine gesehen, man kann es aber provozieren indem man direkt ins Licht hält), dafür besteht eine gewisse Neigung zu malerischen “sunstars”, d.h. die Linse bildet z.B. die Sonne mit schönen Strahlen ab, wenn man direkt draufhält. Obwohl das natürlich rein formal ein Bildfehler ist, kann dieser Effekt bei einem Foto durchaus auch gewollt sein. In jedem Falle empfehle ich diese Sonnenblende, die leider nicht im Lieferumfang ist. (Ja, der Preis ist kein Witz, die Sonnenblenden werden bei Vollmondnacht an ungeraden Tagen von speziellen einarmigen Schamanen unter Wasser mundgeklöppelt).
 
Die Verzerrung ist ebenfalls nur minimal, ein klein wenig Tonne ist vorhanden. Das lässt sich leicht beheben. Notwendig ist es nur, wenn man sich im Architekturbereich bewegt und linealgerade Linien unabdingbar sind. Ansonsten dürfte es kaum auffallen.
 
 
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Ich erwähnte am Anfang, dass Ken Rockwell ein Problem mit der Linse in Verbindung mit der M9 hat: siehe hier sein Review. Kurz gesagt schreibt er: “Although wonderful on film, this lens is awful on the LEICA M9 because its rear nodal point is too close to the sensor. The left and right sides take on weird color shifts.” Ich kann hier natürlich nur für die M8 sprechen. Trotzdem; ich habe außer Ken Rockwells Review im Internet nichts gefunden, was diese Behauptung stützt. Bei der M8 – wie oben schon gesagt – durch Nutzung des obligatorischen IR-Filters gibt es unter Umständen einen color-shift in den Rändern, der bei korrekter Codierung der Linse von der Kamera jedoch rausgerechnet wird. Das wiederum sagt mir, dass es beim entsprechenden Leica-Objektiv gleich sein muss (denn der Filter ist Schuld, nicht Objektiv oder Kamera). Zur M9 kann ich an dieser Stelle nichts sagen außer, dass ein Color-Shift in den Bildecken wenn dann vom Objektiv erzeugt wird (oder Kombination Objektiv – Sensor) – dementsprechend müsste das auch für die Leica-Modelle zutreffen. Deshalb vermute ich, dass der gute Ken hier nicht auf die Objektivcodierung (davon schreibt er nämlich nichts) geachtet hat. Womöglich ist ihm dieses kleine unwichtige Detail entgangen…
 
 
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Wie sieht also mein Fazit aus? Draufschrauben, auf Unendlich stellen, knipsen. Klein, leicht, scharf, solide und preiswert (Straßenpreis 400 Euro). Ich schließe mich der Meinung an, die man gelegentlich liest: diese Linse ist definitiv ein kleiner Geheimtipp, neben einem 35mm oder 50mm ein solides Immerdrauf, noch dazu extrem unkritisch zu verwenden. Wenn man nicht schon das entsprechende (um ein vielfaches teurere) Pendant von Leica besitzt oder es sich nicht leisten kann/will, ist das Voigtländer 21mm F4 Color Skopar Pancake 2 die richtige Entscheidung – wohlgemerkt: ich spreche hier immer für die M8!
 
Übrigens: es gibt eine Alternative, nämlich das Voigtländer 21mm 1.8 Ultron. Die Informationslage dazu im Internet ist ähnlich schlecht. Zusammengefasst ist es rund doppelt so teuer, hat vergleichbare Qualitäten, kann aber mit wesentlich höherer Lichtstärke punkten. Dafür ist es allerdings auch wesentlich größer und schwerer. Es wird – ähnlich wie das hier besprochene Objektiv – im Internet ebenfalls als Geheimtipp gehandelt.
 
 
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Kommentare

5.Luke(nicht registriert)
Danke für die Info.
4.Cetus-A
@Luke:

Vielen Dank! Die Bilder sind bei mir grundsätzlich stark bearbeitete RAWs. Aus meiner Sicht machen JPGs in jeder besseren Kamera nahezu keinen Sinn, nur im RAW mit ner anständigen Bearbeitung kann man das, was der Sensor liefert, auch wirklich ausnutzen, umsetzen und ausreizen. Ich füge immer Kontrast und Klarheit hinzu, drehe die Farben relativ beherzt rein und achte vor allem darauf, durch bewegen des Höhen/Tiefenreglers und Schwarzpunkt/Weißpunkt, das Histogramm zu optimieren. Wenn das Histogramm (gut zwischen schwarz und weiß verteilt und hoch aufgestellt), kommen die Farben gut raus und beginnen, zu leuchten. Es kann auch Sinn machen, dem Bild etwas "Wärme" zu geben (und natürlich Dinge wie Vignette oder Verläufe). Die Standard-JPG-Algorithmen in den Kameras und RAW-Konvertern erzeugen meiner Meinung nach viel zu flaue und flache Outputs. Das sieht für mich immer aus, wie Handyfotos. Ich will aber die Stimmung so wiedergeben, wie sie an dem Tag gerade war und an einem heißen Sommertag empfinde ich die Welt um mich herum nun mal kontrastreich, voller knalliger Farben und Wärme.

LG
Jörg
3.Luke(nicht registriert)
Große Farben! Bitte sagen Sie mir, ob Sie die Dateien bearbeitet haben, ob sie sauber sind jpg? Sie verraten, wie sie gewonnen haben?
2.Cetus-A
Vielen Dank für den Tipp!! Wusste gar nicht, dass Fujifilm auch sowas anbietet! Wieder was gelernt!
1.D. Bächli(nicht registriert)
Dieser Bericht ist zwar schon etwas älter, aber einfach aus aktuellem Anlass: wer die eine oder andere Kombo, oder beide, wählt, sollte sich den Fujifilm 21/28mm Sucher mal anschauen ,-)
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