Testbericht Sigma 12-24 4.5-5.6 II DG HSM

July 13, 2013

 

Dresden , GermanyDresden , Germany

 

Mein hauptsächliches Interesse lag eigentlich immer zwischen 24 und 90 Millimetern – dem Bereich in dem sich das unmittelbare Leben um mich herum abspielt. Beim Blättern durch diverse Zeitschriften waren mir allerdings in letzter Zeit einige sehr interessante Aufnahmen ins Auge gefallen, die ein Gefühl von Raum und Weite erzeugten und mich faszinierten. Fotografiert mit 14mm. Ich hatte bisher immer angenommen, alles unter 15mm ist irgendwie Fischauge und das kann ich gar nicht ab, doch jetzt recherchierte ich etwas nach und stellte fest, dass es doch eine ganze Reihe von Objektiven gibt, die diesen Bereich ohne Fisheye-Charakteristik abbilden. Ich muss zugeben dass ich hier eine … Bildungslücke hatte. Zudem war mir nach den APS-C-Jahren nie wirklich bewußt gewesen, wie extrem z.B. 14mm am Vollformat eigentlich sind.

Mein Interesse fiel bald auf das Sigma 12-24 4.5-5.6 II DG HSM. Die Reviews waren durchwachsen und ließen erahnen, dass dies eine extreme Optik ist (eigentlich logisch). Es schien die ideale Ergänzung nach unten zu meinem Tamron 24-70 2.8 zu sein und so beschloss ich, es auszuprobieren.

 

 

Das Objektiv wird zusammen mit einem praktischen Transportcase ausgeliefert. Die Sonnenblende ist Bestandteil. Das ist nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit (gerade gestern habe ich bei einem sehr speziellen Hersteller einen Schock fürs Leben gekriegt als ich sah, dass man für eine Sonnenblende auch durchaus dreistellige Eurobeträge verlangen kann… mehr dazu in einem späteren Review).

Es macht im Rahmen seiner Möglichkeiten (Kunststoff) einen durchaus wertigen Eindruck, hat ein angenehmes Gewicht und der Zoomring läuft weich. Der Fokus läßt sich wie bei allen neueren Objektiven einfach “überdrehen”, somit kann man schnell den Autofokus überspringen. Allerdings hat die Entfernungsskala nichts mit der Realität zu tun – obwohl das Objektiv exakt fokusiert, hauen die dabei auf der Skala angezeigten Werte nicht wirklich hin. Das fällt im Eifer des Gefechts allerdings nicht auf weil man ja eh durch den Sucher schaut und fokussiert / fokussieren lässt. Ich habe es eigentlich nur durch Zufall bemerkt.

Eine weitere nervige Eigenschaft ist mir ebenfalls schnell aufgefallen: der Schalter zum Abschalten des Autofokus ist zu leichtgängig und genau dort, wo die linke Hand ist. Aus diesem Grund schaltet man den Autofokus ständig unbewußt ab. Unschön.

Doch worum ging es hier doch gleich nochmal…? Richtig, Bilder. Also ab in die Stadt. Zunächst fällt natürlich auf, dass das Sigma mit seinen 12mm die extremste Form von Weitwinkel (Nicht-Fisheye) ist, die man auf Fullframe kriegen kann. Mehr geht nicht und infolge dessen sind die Bilder natürlich relativ unverbraucht, der optische Eindruck ist interessant und verursacht bei den Betrachtern durchaus den einen oder anderen Wow-Effekt.

Zum Beispiel kann man gleichzeitig die Fassade eines Hauses und die Straße fotografieren. Zusammen mit der ausgezeichneten Dynamik der D600 hat mich das etwas später auf Mallorca dazu gebracht, gleichzeitig das Innere von Geschäften und die Straßenszene davor abzulichten – mehr dazu in einem separaten Artikel.

 

The Green DoorThe Green Door

Extreme Blickwinkel

 

Wenn man wie ich im Bereich Weitwinkel ein kompletter Blindgänger ist, fallen natürlich sofort einige Eigenheiten auf (der Profi mag schmunzeln).
Einmal stand ich vor einem Motiv und wollte ein Bild machen, als eine Passantin in die Optik lief. Sie bemerkte das sofort, ging etwas zur Seite und blieb dann stehen. Ich sah sie immer noch deutlich im Sucher und wartete ungeduldig, dass sie endlich richtig zur Seite ginge. Als sie das nicht tat, nahm ich genervt die Kamera runter um dabei verblüfft festzustellen, dass die Frau in Wirklichkeit neben mir stand.

Ich sagte es bereits und ich sage es wieder: 12mm an Vollformat sind extrem.

Ständig stehen Leute im Bild und lächeln höflich; nicht im entferntesten denken diese armen Menschen daran dass ich mit diesem Objektiv wie ein Leguan fast zur Seite schaue und dass sie quasi fast hinter mich treten müßten um aus dem Bild zu verschwinden.

Ein zweiter durchaus witziger Effekt ist der, dass ich mich einen Meter vor ein Objekt stellen muss, um es formatfüllend aufzunehmen. Ich wollte die – doch ziemlich große – Frauenkirche in Dresden ablichten. Als ich mich an die gewohnte 24mm-Position stellte (zusammen mit einem dutzend Japanern) bemerkte ich beim Blick durch den Sucher, dass die Kirche hunderte Meter weit weg schien. Als ich schließlich die optimale Perspektive hatte, stand ich praktisch davor. Die anderen Fotografen dachten wahrscheinlich, ich hätte eine Macke.

 

DSC_3406DSC_3406 Eine durchaus sehr enge Gasse

 

DSC_3444DSC_3444 Der Gullideckel ist direkt vor meinen Füßen

 

DSC_3449DSC_3449 Extreme Ansichten

 

Okay, nennen wir es beim Namen: es verzerrt einfach höllisch – bei dem Blickwinkel auch normal. Man darf die Kamera nicht kippen, z.B. um ein großes Gebäude komplett ins Bild zu bekommen. Kippt man es nach oben entstehen sofort grausige Winkel und fliehende Linien die eher an ein surreales Gemälde denn eine Fotografie erinnern. Korrigiert kriegt man das kaum noch, es geht dabei meist zuviel an Bildinhalt für den anschließenden Beschnitt verloren.

Man muss die Kamera also gerade halten.

Nächste Regel: Keine Menschen ablichten. Vor allen Dingen nie in den Ecken des Bildes. Ist in den Ecken ein Mensch aufs Bild geraten, ist das Bild im Eimer. Die Ecken verzerren perspektivisch bedingt so furchtbar, dass man sie frei von Details halten muss.

Es heißt also warten, bis wirklich auch der letzte Tourist vorbeigegangen ist. In Palma de Mallorca bin ich mitunter fast im Stehen eingeschlafen bis ich zum Schuss kam.

 

DSC_3473DSC_3473 Menschen – wenn überhaupt – in der Bildmitte halten

 

DSC_3478DSC_3478

Manchmal (selten) ergeben die Verzerrungen einen interessanten Effekt. Meist sollte man jedoch ein Kippen vermeiden, außer man weiss genau, was man tut.

 

DSC_3482DSC_3482 Die blonde Dame wäre wahrscheinlich verblüfft, dass sie noch mit auf dem Bild war. Hier sieht man sehr gut: Menschen in den Ecken machen das Bild unbrauchbar.

 

Wie ist es jedoch um die rein optische Qualität bestellt? Schwierig. Der extreme Blickwinkel verursacht einfach viele Probleme, für die man ein anderes Objektiv zerreißen würde. Es ist zwar ungerecht, aber ich zähle nochmal auf: die Ecken sind relativ unscharf, die Auflösung ist mittelmäßig und sobald die Sonne ins Spiel kommt entstehen konstruktionsbedingt schnell hässliche Flares.

Zudem kommt es mir etwas zu kontrastreich und immer leicht unterbelichtend vor. Ich musste praktisch bei allen Bildern ausgiebig Schatten aufhellen.

Naja, und wo wir schon mal dabei sind… die andere Seite des Zooms – 24mm – habe ich eigentlich nie benutzt. Dafür habe ich das 24-70 – und das ist im Bereich 24mm dem Sigma haushoch überlegen.

Somit ist das Zoom eigentlich überflüssig, eine 12mm-Festbrennweite würde völlig ausreichen.

 

DSC_3497DSC_3497

 

DSC_3511DSC_3511

Weite und Raum lassen sich mit 12mm sehr gut vermitteln

 

DSC_3529DSC_3529 Schöne Kombi aus Dynamik-Schlacht (D600) und Brennweite – eine Kombo der Extreme

 

DSC_3536DSC_3536 Nicht immer wird man glücklich. Wäre ich näher herangegangen, hätte ich die Kamera ankippen müssen. Weiter weg war der hässliche Bauzaun neben mir im Bild.

 

DSC_3543DSC_3543 Kippt man die Kamera wie in diesem Beispiel…

 

DSC_3543-2DSC_3543-2

…und macht das in Photoshop wieder rückgängig, ist dieser Ausschnitt alles, was übrigbleibt. Zudem nerven verzerrte Menschen und die Flares – wobei man hier mit dem Kopierstempel noch einiges retten könnte.

 

Ich will aber nicht nur meckern. Die Farben kommen gut rüber. Und wenn ein Bild dann mal unter Einbeziehung aller oben genannten Variablen gelingt, löst es bei den Betrachtern meist einen Wow-Effekt aus. Der Einsatz lohnt sich also mitunter.

 

Dresden , GermanyDresden , Germany

Noch etwas, was ich bei 12mm schmerzlich vermisse: Bokeh. Wie gerne hätte ich den Hintergrund unscharf gehabt. Aber die Physik läßt sich nunmal nicht aushebeln.

 

DSC_3552DSC_3552 Große Plätze und weitläufige Flächen kommen gut rüber…

 

DSC_3556DSC_3556 …allerdings immer auch mit viel Fußboden.

 

Mein Fazit? Ein extremes Objektiv für extreme Bilder und spezielle Anforderungen. Viele Einschränkungen, die man aber fairerweise nicht alle dem Objektiv sondern der Physik anlasten muss, verursachen richtig Arbeit beim Fotografieren. Man muss dieses Objektiv genau kennen und damit umgehen können, dann gelingen auch interessante Aufnahmen, die man anders nicht hinkriegt. Denn – das muss man zugute halten – diese Linse ist ein Exot.

Ich habe sie quer durch meine Heimatstadt, durch Dresden und durch Mallorca geschleppt und werde demnächst noch einige Bilder zeigen. Für mich persönlich bleibt es ein Kreativ-Tool, ein Gimmick für einzelne, besondere Fotos und spezielle Anwendungen.

Ich werde mich deshalb auch wieder vom Sigma trennen. Da ich eh nur die 12mm nutze, tut es auch eine Festbrennweite. Interessant finde ich die wesentlich preiswertere Walimex Pro 14mm 2.8. Die 14mm sind nicht ganz so extrem, es hat mehr Lichtstärke und es soll generell optisch deutlich besser sein. Über den ausschließlich manuellen Fokus kann man bei diesen Brennweiten hinwegsehen.

Ich hoffe, ich konnte Euch einigermaßen unterhalten und informieren. Bis zum nächsten Mal und Danke fürs Vorbeischauen!!