Tamron 70-300 – Billiges Objektiv auf teurer Kamera?

March 08, 2013  •  Kommentar schreiben

 

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Bevor wir anfangen vielleicht mal kurz etwas zur Definition des Wortes “billig”…

Es geht hier um das Tamron 70-300 4-5.6 Di SP VC USD – Kostenpunkt bei Amazon ca. 330 Euro. Manche werden vielleicht die Nase rümpfen und mich als abgehoben betrachten, wenn ich in diesem Zusammenhang von “billig” spreche, aber für ein Objektiv ist das tatsächlich “billig”. Wobei ich in diesem Falle “billig” nicht negativ, sondern eher positiv meine.

Wie kommt man nun dazu, werden sich viele unter Euch fragen, auf eine so teure Kamera wie die D600 ein solches Objektiv zu schrauben? Ich höre ihn schon wieder, den von mir meistgehassten Begriff “Scherbe”…

Ich bin eigentlich der klassische Drumherum-Fotograf. Ich fotografiere Dinge um mich herum und dafür liegen meine bevorzugten Brennweiten bei 24-70 Millimetern. Dies deckt man vorzugsweise mit einem guten Zoom ab (siehe mein Tamron 24-70) oder – wenn man Stil hat – mit einer schönen lichtstarken Festbrennweite wie dem 28mm, 35mm oder 50mm (ein schönes Beispiel ist Nikon Brot-und-Butter-50mm in diesem Bericht).

Gelegentlich finde ich mal Tele-Aufnahmen, die mir gefallen. Schöne, mit 200mm knackscharf freigestellte Detailaufnahmen zum Beispiel. Schaut man dann auf das verwendete Objektiv, handelt es sich meist um das übliche 70-200 2.8 (welches bei zarten 1500+ EUR liegt). Bildqualität hin oder her, das ist mir einfach zu viel des Guten für ein Objektiv, dass man vielleicht 5 mal im Jahr verwendet. Und dann ist da noch die Sache mit dem Gewicht und der Größe…

Also entschloss ich mich, eine Liga weiter unten zu schauen und wurde zunächst beim Nikon 70-300 für runde 470 Euro fündig. Stabilisator an Bord – sehr gut, da ich das Stativ kaum mitschleppe – und bildmäßig zumeist gute Bewertungen – das schien mein Kandidat für Gelegenheits-Tele-Freihand zu sein.

Der Vollständigkeit halber schaute ich nochmal bei Tamron und da wurde es interessant… besagtes 70-300 4-5.6 Di SP VC USD war nicht nur runde 140 Euro preiswerter, es hatte auch durchweg bessere Bewertungen. Immer wieder tauchten Kommentare auf wie “im Telebereich viel schärfer als das Nikon” oder “der Stabi friert das Bild förmlich ein”. Interessant, dachte ich so bei mir. Wen interessiert schon der tausendste Bericht über das Nikkor 70-200 2.8 auf dieser Kamera – das die Bilder mit dieser Kombo hervorragend werden, versteht sich von selbst. Lieber einmal über das preiswerte 70-300 von Tamron sprechen! Gesagt, getan.

Kommen wir also zur Sache. Das Objektiv macht einen soliden Eindruck, ähnlich dem 24-70 2.8 von Tamron (siehe hier). Es ist sicher nicht mit einem professionellen Glas vergleichbar, liegt für seine 330 Euro aber satt und angenehm in der Hand, ist nicht zu schwer (noch keine Stativschelle notwendig!) und aus hochwertigem Kunststoff gefertigt. Der Fokus kann bei Bedarf einfach durch drehen “überstimmt” werden, wie bei allen neueren Gläsern so üblich und der einzige Nachteil ist der lange, ausfahrende Tubus der eine ganz schöne Luftpumpe ist (bei der ehe schon dreckigen D600 sicherlich nicht so optimal). Aber he, schauen wir auf den Preis – die Qualität ist angemessen und gut.

Natürlich ist man mit dem langen Eumel nicht mehr im Stealth-mode, alle starren einen an, als hätte man den Hosenstall offen… eine Situation, die ich eigentlich hasse. Bei Teleobjektiven geht es aber nunmal nicht anders und man muss es in Kauf nehmen – so oder so.

 

Ohne Sonnenblende kaum größer als das Nikkor 24-70 2.8 – und leichter

 

Mit Sonnenblende ist der Stealthmode vorbei…

 

…und wenn das Ding am Blackrapid Strap baumelt, sieht man dann aus wie Commander Shepard im Einsatz. Dezent ist anders. Aber es ist nunmal ein Tele.

 

Am meisten war ich natürlich auf die Bildqualität gespannt. Schärfe und Farben müssen passen, ich hasse flaue und weiche Aufnahmen. Im folgenden daher zunächst einige Testaufnahmen ohne besonderen künstlerischen Wert, die jedoch die überraschende Qualität der preiswerten Linse verdeutlichen:

 

DSC_2316DSC_2316 300mm, A5.6, ISO 100, 1/750

 

DSC_2386DSC_2386 300mm, A5.6, ISO 200, 1/250

 

DSC_2380DSC_2380 300mm, A9.5, ISO 100, 1/250

 

DSC_2348DSC_2348 300mm, A16, ISO 100, 1/125

 
Ich denke wir können uns darauf einigen, dass die Linse bei 300mm knackscharf und sehr akzeptabel abbildet. Wie sieht es aber bei 70mm aus?
 

DSC_2424DSC_2424 70mm, A16, ISO 100, 1/250

 

DSC_2401DSC_2401 70mm, A6.7, ISO 100, 1/250

 

DSC_2488DSC_2488 70mm, A9.5, ISO 100, 1/125

 

DSC_2441DSC_2441 70mm, A9.5, ISO 100, 1/250

 

Auch bei am kurzen Ende der Brennweite gibt es nichts zu beanstanden.

Auffallend an dem Tamron ist der gute Stabi, der das Bild wirklich festnagelt. Den Autofokus hingegen empfinde ich als durchschnittlich, was nichts schlechtes sein muss. Für die meisten Anwendungsfälle sollte er reichen.

Er verbreitet beim Fokussieren teilweise komische Geräusche. Es klackert und stottert so vor sich hin, wenn er arbeitet (und dazu noch der Stabi an- und aus geht). Nicht laut – aber diese komischen mechanischen Sounds haben mich anfangs etwas irritiert – klingt irgendwie kaputt. Nach einer Weile merkt man es aber gar nicht mehr.

Im Netz geistern Geschichten umher, dass das Tamron ab Auslieferung teilweise falsch justiert war und die Blende nicht weit genug öffnete; Resultat: zu dunkle Bilder. Einige mussten es zum Service schicken. Mir blieb dieses Schicksal dankenswerterweise erspart (ich hasse solchen Hickhack) – trotzdem scheint es, dass Tamron nach wie vor leichte Probleme mit der Endkontrolle hat (aber da sind sie ja in guter Gesellschaft mit Nikon – ich sag nur Sensordreck).

Wie Ihr wisst. bin ich nicht so der Pixelzähler – ich mache lieber richtige Bilder als Testcharts zu bemühen. Vieles korrigiert der RAW-Konverter eh und Dinge wie Vignette verstärke ich eher noch als dass ich sie entferne… Für all diejenigen unter Euch, die die Testcharts brauchen wie Vampire das Blut, habe ich aber netterweise (so bin ich eben) zwei Links:

Traumflieger-Test

Photozone-Test

Diese beiden Tests sind sehr schön technisch und es kommen garantiert alle Fachbegriffe drinnen vor.

Eine Sache möchte ich Euch nicht vorenthalten – auch für die technisch weniger interessierten. Matt Granger – der “Nikon Guy” – testet hier das teure 70-200 2.8 gegen das Tamron und kommt zu einem für ihn überraschenden Resultat:

 

 

Was ist also mein Fazit? Wer wie ich das Tele eher selten dabei hat und es mehr als Ergänzung zum Objektivpark betrachtet, der ist mit dem Tamron 70-300 4-5.6 Di SP VC USD bestens bedient. Ich kann und will es kurz machen: angesichts des Preises verstummen eigentlich alle kleinen Kritikpunkte, die man daran finden könnte. Man braucht also gar nicht lange drumherumzureden – der Profi nimmt das 70-200 2.8, der Enthusiast greift zum Tamron und erhält dafür 100mm Brennweite mehr, einen super Stabi und scharfe Bilder – und spart massiv Geld. Er verzichtet dafür auf etwas Lichtstärke, kriegt dafür aber keinen krummen Rücken… Für mich eine absolut klare Entscheidung. Für das Geld kann man nichts falsch machen.

 

DSC_2513DSC_2513 300mm, A11, ISO 100, 1/125

 

DSC_2527DSC_2527 75mm, A13, ISO 100, 1/125

 

DSC_2533DSC_2533 110mm, A11, ISO 100, 1/125

 

DSC_2428DSC_2428 125mm, A8, ISO 100, 1/250

 

DSC_2444DSC_2444 300mm, A16, ISO 100, 1/250

 

DSC_2507DSC_2507 300mm, A5.6, ISO 110, 1/125

 

DSC_2389DSC_2389 300mm, A8, ISO 100, 1/250

 

DSC_2409DSC_2409 75mm, A9.5, ISO 100, 1/250

 

Hier wie immer der Amazon-Link:

Amazon – Tamron 70-300

Ich danke Euch recht herzlich für das Interesse und Eure Treue. Eigentlich wollte ich um diese Zeit – an Ostern – schon längst wieder mit Kamera unterwegs sein und frische Bilder liefern. Leider sieht es nicht so aus, als könnte man hier in Sachsen vor Mai auf die Straße gehen. Bei uns liegt nach wie vor eine geschlossene Schneedecke und die Temperaturen quälen sich höchstens auf 3-4 Grad… Es ist also geduldiges Warten angesagt…


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