Voigtländer 35mm F1.2 Asph II

November 17, 2013  •  2 Kommentare
 
L1012029-Bearbeitet
 
Mein Voigtländer 35mm F1.4 classic ist nun bereits seit Monaten zur Garantiereparatur in Japan. Ganz ehrlich – so etwas spricht nicht unbedingt für die Firma. Da ich langsam keine Lust mehr hatte, immer nur mit 21mm an der M8 zu fotografieren, bestellte ich mir eines Tages das legendäre 35mm F1.2 Asph II – das lichtstärkste 35mm für den M-mount.
 
Was soll ich sagen? Dies wird wahrscheinlich das kürzeste Review der Welt, ich hatte das gute Stück nämlich nur einen Tag bevor ich es leider zurücksenden musste. Der Grund: es hatte unter anderem einen richtig massiven Backfokus an der M8. Offenbar gibt man sich bei Voigtländer echt Mühe, mir die Lust auf deren Produkte zu verhageln.
 
Doch eins nach dem anderen.
 
Das Objektiv selber ist – für eine M-mount-Optik – sehr groß und schwer, wirkt aber extrem wertig. Es wird gern mit dem legendären Noctilux verglichen, ist aber nicht ganz so massiv. Fokusring und Blende laufen/rasten in perfekter mechanischer Anmutung, das gute Stück wirkt wie aus dem Ganzen gefeilt. Ich muss sagen, ich war schwer beeindruckt.
 
Betonung liegt auf schwer, denn obwohl ich über die Abmessungen natürlich bereits vorher informiert war, ist es doch etwas ganz anderes, das Teil in der Hand zu haben. 471 Gramm sind mehr als man beim Lesen so denkt. Bei meinem kurzen Stadtbummel, den ich damit unternahm, wurde ich wieder daran erinnert, warum ich mich letztendlich von der fabelhaften Nikon getrennt habe; ich will nicht mehr schleppen. Und schleppen lässt sich das Voigtländer nun mal ganz schön – der Preis der Blendenöffnung von F1.2.
 
 
Das Nokton ASPH II wiegt stolze 471g und hat 10 Linsen (2 aspherische) in 7 Gruppen. Mit seiner größten Blende von F1.2 hat es gewisse Alleinstellungsmerkmale auf dem Markt der 35er Brennweiten für M-mount.
 
 
So sehr ich mir immer ein hochgeöffnetes Objektiv gewünscht hatte musste ich mir nach einiger Zeit eingestehen, dass es nicht wirklich angenehm ist. Weder die Balance – denn die M8 wird durch die Optik extrem frontlastig – noch die Tatsache, dass es keine Fokussiermulde für die Entfernungsverstellung hat. Gerade diese Fokussiermulde mag ich so am M-System weil sie erlaubt, die Kamera mit zwei Händen stabil zu halten und trotzdem bequem zu fokussieren (Leica selbst verbaut bei den Objektiven mit größeren Durchmessern ebenfalls keine Fokussiermulde – meist bei den Summiluxen).
 
Weil wir gerade beim Thema “Fokussieren” sind: das Objektiv hat eine Naheinstellgrenze von 0,5 Meter. Damit läuft der Fokusring an der Leica ein paar Zentimeter leer. Das ist kein Beinbruch und spricht eigentlich eher für das Voigtländer – mich nervte es aber trotzdem irgendwie weil sich dieser Fokus-Leerlauf immer einen wenig nach “kaputt” anfühlt.
 
Der Suchereinblick wird durch Länge und Durchmesser des Objektives ebenfalls eingeschränkt – das ist aber eine Tatsache, die mich nicht weiter stört.
 
Gut, dachte ich mir, dafür hast Du Blende F1.2 – ein Noctilux für “arme” sozusagen. Doch was musste ich sogleich feststellen? Der Fokus war meilenweit daneben, unschwer und sehr deutlich mit dem Fokus-Detektor feststellbar. Erst ab Blende 2 war der Schärfenbereich gross genug, dass der Fehlfokus praktisch nicht mehr auffiel.
 
Ich glaube nicht, dass der Messsucher der M8 so massiv verstellt ist denn mit dem 35mm F1.4 konnte ich jederzeit perfekt fokussieren. Und nebenbei gesagt hatte ich auch keine Lust, durch Gang zum Leica-Händler oder Einschicken zu Voigtländer (wir wissen ja nun, dass das ein halbes Jahr dauert!) experimentell die Ursache festzustellen. Bei Produkten in dieser Preisklasse erwarte ich einfach irgendwann auch mal, dass sie schlicht und ergreifend funktionieren – ohne Wenn und Aber.
 
Zumindest lies ich mir es nicht nehmen, das Objektiv abends in der Wohnung bei gemütlicher Lichtstimmung mit Offenblende (F1.2) auszuprobieren. Ich hatte schon viel vom “dreamy”- und “glow”-Look solcher hochgeöffneten Objektive gehört doch zu meinem großen Erstaunen war ich alles andere als beeindruckt. Kann sein, dass das Objektiv neben dem Backfokus noch einen weiteren Schlag weghatte aber ich empfand das Bild mit Blendenwerten gleich oder kleiner F1.4 schwammig und wie durch einen billigen Effektfilter gedreht. Wohl gemerkt nur bei schwierigen Lichtsituationen (dunkle Innenräume mit vielen Lichtquellen).
 
Am nächsten Morgen, als ich bei Tageslicht fotografierte, sah das Ganze wesentlich besser aus!
 
L1012013
Blende 1.2 sieht bei Tageslicht durchaus gut aus. Ich empfinde das Bokeh teilweise etwas unruhig. Exaktes fokussieren war leider nicht möglich.
 
 
L1012044 Ab Blende 2.8 war der Schärfebereich groß genug dass der Fehlfokus nicht länger ins Gewicht fiel.
 
 
Nach all dem Gemecker aber nun auch was positives: ab Blende 2.0 und aufwärts fand ich das Objektiv beachtlich gut. Messerscharfe, detailreiche Wiedergabe mit schönen Farben und viel Kontrast – bis in die Ecken. Das Glas erhält ja gewöhnlich sehr gute Reviews und ab F2.0 stimme ich da uneingeschränkt zu; viel besser kann es Leica wahrscheinlich auch nicht mehr machen.
 
Ab Blende 1.8 kam dann auch dieser schöne, weiche Unschärfeverlauf ins Spiel, den ich mir so “herbeigesehnt” hatte – egal, bei welchen Lichtverhältnissen.
 
L1012006
 
Ich kann als Fazit nur sagen, wer das Gewicht nicht scheut, erhält hier ein fabelhaft verarbeitetes Objektiv mit perfekter Bildqualität ab Blende 2.0. Wer die Optik bis hinunter zu F1.2 ernsthaft nutzen will, sollte bei Erhalt peinlich genau auf exakten Fokus prüfen und auch schauen, ob die Offenblenden-Charakteristik gefällt. Das geht einher mit dem Tipp den ich mittlerweile bei Voigtländer leider immer mit auf den Weg gebe: nur dort kaufen, wo man notfalls auch zurückgeben kann!
 
L1012020 Farben…
 
 
L1012029-Bearbeitet …Kontraste…
 
 
L1012007 …und “Pop” (um Steve Huff zu zitieren) ist reichlich vorhanden…
 
 
L1012023
…und würde nach meiner Meinung auch einem Leica-Glas alle Ehre machen.
 
 
L1012040
Auf jeden Fall finde ich den Look sehr schön…
 
 
L1012010 …die M8 zeichnet mit dieser Optik ein organisches, angenehmes Bild…
 
 
L1012027 …ohne die messerscharfe kalte Präzision der modernen CMOS-DSLRs…
 
 
L1012011
 
Mir hat dieser Test auch etwas gebracht: ich bin von dem Wahn abgekommen, immer hochgeöffnete Linsen kaufen zu wollen. Im Grunde merkte ich, das alles unterhalb von F1.8 nicht wirklich praktikabel ist. Jeder kleine Fokussierfehler rächt sich fürchterlich, Objektiv und Messsucher müssen zwingend immer 100% perfekt justiert und eingestellt sein.
 
Ich habe festgestellt, dass ich den Blendenbereich oberhalb F2.0 nie wirklich nach unten verlassen habe. Das wiederum brachte mich dahin, dass ich dann auch gleich ein gebrauchtes Summicron, Summarit oder Elmar(it) nehmen kann – die sind kleiner, leichter und bieten schon bei größter Blendenöffnung perfekte Bildqualität.
 
Ich habe letztendlich das getan, was ich eigentlich schon immer tun wollte und das Elmarit-M 28mm F2.8 Asph zu einem guten Preis (ähnlich dem des Voigtländer) bestellt. Wenn dieses gute Stück Probleme macht, kann ich es dem Leica-Händler um die Ohren hauen und muss es nicht 6 Monate nach Japan schicken. Außerdem möchte ich dieses Objektiv an der Sony A7r testen – sobald sie hier ist.

Kommentare

2.Cetus-A
@Balint:

Danke! Ein schöner Bericht... wenn ich das Objektiv so an der A7 sehe, bereue ich fast, es wieder weggegeben zu haben. An der A7 wäre ja auch der Backfokus völlig wurscht gewesen...

LG
Jörg
1.Balint(nicht registriert)
Gut geschriebener Artikel, der die Stärken und Schwächen der Linse gut aufzeigt. Ich habe die Linse an der Sony A7 getestet. Da auf der Sony A7 die Fokussierung leichter fällt, gefällt mir das Objektiv sehr gut und man kann es auch bei F1.2 benutzen.
Falls jemand den Bericht lesen möchte stelle ich den Link dazu ein:
http://balint-foto.com/technik-review/praxistest-voigtlaender-35-mm-f-12-nokton-asphaerisch-ii-an-sony-ilce-a7/
Keine Kommentare veröffentlicht.
Wird geladen...